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ASIAN GERMANS – Vietnamese Diaspora & Beyond (2012)

Im Sommer 2012 wird das Buch “Asiatische Deutsche – Vietnamesische Diaspora and Beyond” von Kien Nghi Ha im international orientierten Verlag Assoziation A (Mitglied der Vertriebskooperative buchkoopkonterbande) herausgegeben.
DOWNLOAD: Buch-Flyer

Begleitend werden auf diesen Projektseiten Materialien / Video-Mitschnitte veröffentlicht, die die gleichnamige Vortrags- und Diskussionsreihe vom 26.11.-27.11.2010 dokumentieren. Die Veranstaltung fand im Rahmen des DONG XUAN FESTIVALS – VIETNAMESEN IN BERLIN (Programmheft) im Hebbel am Ufer Theater (Berlin) statt.

Unter anderem freuen wir uns besonders auf den Beitrag “Eine akustische Reise” der herausragenden postkolonialen Filmemacherin und Theoretikerin Trinh T. Minh-ha (Professorin für Gender & Women’s Studies an der University of California in Berkeley) in deutscher Erstübersetzung.

Das Projekt wurde vom Hauptstadtkulturfonds und dem Lehrstuhl für Geschichte und Gesellschaft Südostasiens der Humboldt Universität zu Berlin gefördert.

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Buchankündigung von Assoziation A:

Kien Nghi Ha (Hg.):
Asiatische Deutsche – Vietnamesische Diaspora and Beyond.
Berlin-Hamburg: Verlag Assoziation A (Juni 2012).
344 Seiten, 18 Euro, Paperback
ISBN-13: 978-3-86241-409-3

Bestellungen
Assoziation A | Gneisenaustr. 2a | 10961 Berlin
Tel.: 030-69582971 | Fax: 030-69582973 |
http://www.assoziation-a.de | berlin@assoziation-a.de
Selbstverständlich auch im Buchhandel erhältlich

Am Beispiel der vietnamesischen Migration, die vor allem in Berlin stark präsent ist, lässt sich aufzeigen, dass das Leben in der Diaspora vielgestaltige Formen annimmt und dieser Prozess aus der Perspektive der migrantischen Subjekte zu denken ist. Indem die Nation von ihren Rändern aus neu gedacht wird, können bisher vernachlässigte Fragen und marginalisierte Räume in den Fokus genommen werden. Dieser Perspektivwechsel durchzieht die vielschichtigen Analysen, Gespräche, Fotoporträts, Essays und Kurzgeschichten namhafter Wissenschaftler_innen und talentierter Künstler_innen, die diesen Raum mit Leben und Innenansichten füllen.

Im ersten Teil des Bandes werden essenzialistische Identitätskonstruktionen sowie das homogenisierende Kulturverständnis hinterfragt und zeitgenössische Bedeutungen der asiatischen Diaspora analysiert. Anstatt Migration lediglich als ein zu bewältigendes Problem zu begreifen, beleuchten die Beiträge im zweiten Teil ihre kosmopolitischen Potenziale. Vor diesem Hintergrund werden vielfältige Verbindungen zu anderen People of Color-Gemeinschaften in Deutschland gezogen. Denn die komplex zusammengesetzten Identitäten in diasporischen Communities reflektieren unterschiedliche geschichtliche Erfahrungen mit Exil, genderspezifischer Ausbeutung und Rassismus, die kulturelle und gesellschaftspolitische Bedeutungen in sich tragen.

Das Leben zwischen hybriden Kulturen, politischen Grenzen und konstruierten Nationen wird in diesem Buch als eine Form des Zuhause-Seins untersucht. Diese Konstellation stellt eine zentrale Zukunftsaufgabe postkolonialer Migrationsgesellschaften in der Ära der Globalisierung dar.

Mit Beiträgen von
Joshua Kwesi Aikins, Mita Banerjee, Biplap Basu, Indira Hong Giang Berghof, Uta Beth, Sun-ju Choi, Huy Dao, Hannah Eitel, Naika Foroutan, Urmila Goel, Kien Nghi Ha, Noa Ha, Feng-Mei Heberer, Tamara Hentschel, Pham Thi Hoai, Jee-Un Kim, Mai-Phuong Kollath, Alisa Anh Kotmair, Yumin Li, Nya Luong, Hanna Hoa Anh Mai, Ruth Mayer, Angelika Nguyen, Baly Nguyen, Bé Điểm Nguyễn-Xuân, Thúy Nonnemann, Günter Piening, Nivedita Prasad, Petra Isabel Schlagenhauf, Antonie Schmiz, Yasemin Shooman, Kimiko Suda, Trinh T. Minh-ha, Anja Tuckermann, Danh Vo und Alke Wierth. Übersetzungen: Madeleine Bernstorff und Emma Dowling. Lektorat: Nika Zablotsky und Peter Veit. Cover: Ngan Thi Dang.

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“Früher war es mir auch wichtig, bloß kein Chinese zu sein”

Interview der freitext-Redakteure Deniz Utlu und Mutlu Ergün-Hamaz mit Kien Nghi Ha

“Anti-Asiatischer Rassismus ist in Europa bislang ein eher sträflich vernachlässigtes Wissensgebiet.” Kien Nghi Ha im Gespräch über die Bedeutung von “Asiatische Deutsche”, Community und Coalition Work.

Deniz Utlu, Herausgeber des Gesellschafts- und Kulturmagazins „freitext„, kuratierte 2011 die Literaturreihe „Vibrationshintergrund“ im Rahmen des „Almancı-Festivals“ im Ballhaus Naunynstraße und lud dazu zahlreiche Autor_innen mit Vibrationshintergrund ein. Am 12.09.2011 organisierte er ein freundschaftliches Duell zwischen dem Autor Feridun Zaimoğlu und dem Wissenschaftler Kien Nghi Ha, moderiert von der Intendantin Shermin Langhoff, wo es um Formen der Subversion und des Patriotismus in der Einwanderungsgesellschaft ging. Im Verlauf der weiteren Zusammenarbeit schlug Kien Nghi Ha vor, dass freitext in Kooperation mit dem Netzwerk korientation ein Heft aus Asiatisch-deutscher Perspektive gestaltet. Dieses Interview erscheint am 13. April 2013 in der Zeitschrift freitext. Eine gleichnamige Vorabfassung wurde am 12. April als Leitartikel des Webportals MiGAZIN veröffentlicht.

Kien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts für post-koloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen und Vorstandsmitglied von korientation. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Heidelberg und Tübingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt. Im Juni 2012 erschien der von herausgegebene Sammelband „Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Verlag Assoziation A).

kien nghi ha - migazin

Kien Nghi Ha

Deniz Utlu: Im Sommer 2012 hast Du das Buch „Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ herausgegeben. Wie ist das Buch entstanden?

Kien Nghi Ha: Das Buch basiert auf einer Berliner Veranstaltungsreihe im Hebbel am Ufer-Theater (HAU), die Ende 2010 im Rahmen des „Dong-Xuan-Festivals“ stattfand. Obwohl das HAU den Ruf hat State of the Art der deutschen Bühnen zu sein, würde ich diese Form der Zusammenarbeit nur sehr bedingt für die Zukunft weiterempfehlen. Das fängt etwa damit an, dass das Konzept von Weißen deutschen Theatermachern ohne Community-Beteiligung entworfen wurde, um Fördermittel von Weißen Institutionen für Weiße Institutionen einzuwerben. Außerdem waren die Rahmenbedingungen – wie so oft in den von (Selbst-)Ausbeutung und Hierarchien geprägten Welt der vermeintlich ach so schönen Künste – am Anfang für naive „Gastarbeiter“ wie mich unglaublich: Es wurden falsche Auskünfte gegeben und Absprachen nicht eingehalten. Mit Mühe und Not wurde in letzter Minute tragbare Arbeitsbedingungen für das von mir kuratierte Programm vereinbart, so dass auch Gelder für die Erarbeitung der Buchveröffentlichung durchgesetzt werden konnten. Mir lag das Buch von Anfang an sehr am Herzen, weil Dokumentationen nachhaltig wirken. Abwesende und Jüngere können auf diese Weise zeit- und ortsunabhängig sich mit dem archivierten Wissen und den erarbeiteten Perspektiven auseinandersetzen.

Eine wichtige Rolle spielt – neben den grundlegenden Vorarbeiten der Asian Diasporic Studies – auch Shermin Langhoff, die in den Jahren zuvor am HAU die Reihe „Beyond Belonging – Migration²“ kuratiert hat. Es war eines der bahnbrechenden Programme, die nicht nur neue Denkkonzepte, innovative Formen der Kulturproduktion und Selbstverortung zur Diskussion stellte, sondern auch die Institutionen verändert hat. Damit meine ich nicht nur das HAU oder den bundesweiten Widerhall, sondern auch die Gründung des postmigrantischen Theaters mit einer eigenen feinen Adresse in der Kreuzberger Naunynstraße. Da Shermin die Premiere 2006 ohne mich zu kennen auf meinen Geburtstag legte, habe ich dieses großartige Geschenk schicksalsergeben angenommen. Ein Teil dieser Inspirationen floss auch in der Herausgeberschaft von „Asiatische Deutsche“ mitein. Dieses Buch ist auch ein Versuch -“Dankeschön“ zu sagen. Es wäre vermessen beide Projekte miteinander zu vergleichen, aber ich finde es spannend imaginäre und reale Verbindungen in unsere Arbeit zu kreieren und uns dadurch miteinander auszutauschen.

Mutlu Ergün-Hamaz: Wie unterscheiden sich deines Erachtens nach die verschiedenen Rassismuserfahrungen innerhalb der Asiatisch-deutschen Community?

Kien Nghi Ha: Die sozialen und politischen Kontexte in der jeweiligen Migrationsgeschichte sind für den zugewiesenen bzw. ausgehandelten gesellschaftspolitischen Status der Gruppe zentral. So verlief der Aufbau des saturierten Japantown in Düsseldorf unter gänzlich anderen Umständen als die Migration der vietnamesischen Boat People, die als Kriegsflüchtlinge ankamen. Aber auch innerhalb der vietnamesische Community sind die Risiken sehr ungleich verteilt: je nach dem, ob die Betroffenen in West- oder Ostdeutschland leben oder deutsche Staatsbürger_innnen bzw. Illegalisierte sind. Anti-Asiatischer Rassismus ist in Europa – vielleicht mit der Ausnahme Englands – bislang ein eher sträflich vernachlässigtes Wissensgebiet. Solange stigmatisierte Asiatisch-diasporische Erfahrungs- und Lebensräume mit einem grundlegenden Desinteresse der Mehrheitsgesellschaft konfrontiert sind, wird es schwierig bleiben systematische Erkenntnisse zu generieren.

Ein symptomatisches Beispiel ist das beharrliche Schweigen der Sozial- und Kulturforschung zu den gesellschaftlichen Voraussetzungen und Nachwirkungen des verheerendsten rassistischen Pogroms seit der Nazi-Zeit: Zu Rostock-Lichtenhagen gibt es auch nach 20 Jahren keine fundierten wissenschaftlichen Studien.1 Während das Pogrom die ethno-nationale Identität der vietnamesischen Community fremdbestimmt determiniert, können in anderen Konstellationen auch andere Identifikationsprozesse wirksam werden. Jedoch überschneiden sich auch hier die verschiedenen ethnopolitischen, kulturellen, sozio-ökonomischen und identitären Kategorien, die eine klare Abgrenzung in verschiedene Asiatischen Gruppen als unmöglich zurückweist. Da Identitäten immer in spezifischen Kontexten ausgehandelt werden, sie vielgestaltig und wandelbar sind, sind auch Identifikations- und Solidarisierungsprozesse immer kontextuell zu verstehen. So können Migrant_innen, die etwa als Studierende aus der sogenannten Dritten Welt kommen, aufgrund ihres relativ privilegierten Bildungs- und Sozialstatus untereinander zuweilen mehr Gemeinsamkeiten als mit Armutsflüchtlingen aus dem gleichen Herkunftsland aufweisen. Andererseits können gemeinsame regionale oder religiöse Herkünfte in einer Situation starker rassistischer Bedrohung eine Identifikation auslösen, die soziale Differenzen in den Hintergrund drängt. Denn der Rassismus definiert die Anderen über kulturelle und biologistische Fremdmarkierungen.

Deniz Utlu: Welcher Ansatz verbindet sich mit dem Titel „Asiatische Deutsche“? 

Kien Nghi Ha: Der Titel ist sicherlich eine sprachliche Neuschöpfung, die aber nicht aus der Luft gegriffen ist. Neben Begriffen wie „Schwarze Deutsche“ oder die langjährige Diskussion um Bindestrich-Identitäten spielten auch selbstverständliche gesellschaftliche Aushandlungen in fortgeschrittenen Einwanderungsländern bei der programmatisch erscheinenden Titelgebung eine Rolle. Wir leben in einem migrationspolitischen Entwicklungsland. Daher kann es nicht schaden, die eigenen Horizonte zu erweitern und sich anzuschauen wie Selbstbezeichnungen wie „Asian American“ sich in USA historisch entwickelt haben. Für welche politischen Prozesse und anti-rassistische Kämpfe steht dieser Begriff? Wie wurde er gesellschaftlich durchgesetzt damit Asiatisch Aussehende – zumindest sprachlich – nicht mehr als Fremdkörper missachtet werden können. Die Sprache ist ein wichtiges Medium und ein Ort politischer Kämpfe um Anerkennung, Zugehörigkeit und Gerechtigkeit.

Tipp: Am 27. April 2013 findet im Ballhaus Naunynstraße der Freitext Launch statt.

Für diese Prozesse war die Ausbildung des Community-Begriffs fundamental, da er Solidarität und Zugehörigkeit vermittelte. Wie wir diesen Prozess nennen, ist mir ziemlich egal. Wir können für die Benennung der gesellschaftlichen Verbundenheit rassistisch unterdrückter Menschen auch den People of Color-Begriff nehmen oder ein anderes Codewort. Was aber wichtig ist, ist die kontinuierliche Entwicklung von Selbstreflexion und die ernsthafte Suche nach internen Ausschlüssen.

Mir ist es auch wichtig die Asiatischen Anteile in mir anzukennen. Ich denke, dass es sinnvoll ist, sich von einer überangepassten und durch Whitewashing geprägten Selbstverleugnung zu emanzipieren und sich nicht mehr für seine Eltern zu schämen – nur weil sie Asiatisch aussehen. Aber mit diesen Gefühlen und Bildern sind viele aufgewachsen, und auch unsere Eltern mussten sich damit auseinandersetzen. Ebenso wie es widerständige Impulse gibt, existiert auch in den nachfolgenden Generationen die Sehnsucht sich vollkommen zu assimilieren, um in einer mehrheitlich Weißen Gesellschaft unsichtbar zu sein und nicht als Asiatische Fremde zu gelten. Auch weil rassifizierte Menschen immer kämpfen müssen, um stabil zu bleiben und nicht auf der Strecke zu bleiben. Früher war es mir auch wichtig bloß kein Chinese zu sein. Heute wäre es nicht mehr mein Problem, wenn mich jemand als „Chinaman“2 sieht. Der Rassismus ist nicht primär mein Problem, obwohl er mich ab und zu verfolgt. Die Schwarze US-Rapgruppe Public Enemy dekonstruierte in ihrem grandiosen Album „Fear of a Black Planet“ (1990) institutionellen Rassismus und White supremacy als gesellschaftliche Machtstruktur. In Analogie dazu stelle ich die Frage, ob die Unlust sich mit Asiatisch-Sein auseinanderzusetzen, wie es immer auch aussehen mag, mit der internalisierten Angst vor der „gelben Gefahr“ zusammenhängt.

Deniz Utlu: Hat sich die deutsche Migrationsforschung modernisiert?

Kien Nghi Ha: Die Migrationsforschung in Deutschland lag bis in die späten 1990er Jahre in einem tiefen Schlaf. Parallel zum gesellschaftlich dominanten Konsenstraum vom einwanderungsfreien Deutschland formulierte die Forschung noch bis in die 1980er Jahre hinein die Gastarbeiter- und Ausländerpädagogik, die die rassistischen Hierarchien festschrieb und fortsetzte. Inzwischen wird z.B. über Muslime in Deutschland sehr viel geforscht, während andere Gruppen nach wie vor nicht nur in Gesellschaft und Kultur, sondern auch in der Wissenschaft unterrepräsentiert sind. Sicherlich ist es manchmal auch ein Segen nicht im Fokus wissenschaftlicher und damit auch immer gesellschaftlicher Verwertungsinteressen zu stehen. Besser wäre es jedoch die Wissenschaft kritischer zu machen.

Im Buch „Asiatische Deutsche“ wird stark mit Selbstrepräsentationen und dem transnationalen Diaspora-Ansatz gearbeitet In Deutschland ist es ein Novum Asiatische Lebenswelten und avancierte Kulturtheorie zusammmenzudenken, während in den USA und Australien dieses Wissen für den Erwerb des Masterabschluss benötigt wird und von einer entsprechenden Kulturproduktion begleitet wird. Es gibt heute partiell mehr Offenheit für kritische Ansätze. So wurde der Buchlaunch großzügig durch die Bundeszentrale für politische Bildung gefördert, was vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Auch die FAZ hat zum 20. Gedenktags des anti-vietnamesischen Pogroms von Rostock-Lichtenhagen dem Buch eine großformatige Rezension im Feuilleton gegönnt.

Obwohl die heutige Forschungslandschaft lebendiger ist, ist die Kritik etwa gegen den methodischen Nationalismus in der Forschung berechtigt. Die Forschenden nehmen dabei die Perspektive des deutschen Nationalstaats ein und gebärden sich in ihrer Arbeit als bildungsbürgerliches Sprachrohr der Weißen dominanten Gruppe. Damit werden aber die Perspektiven und Interessen migrantischer People of Color-Communities weiter marginalisiert. Daher brauchen wir transnationale, rassismuskritische Forschungsansätze, die auf die Verschränkung intersektionaler Machtdynamiken wie „Rasse“, Klasse, Gender und Sexualität eingehen.

Deniz Utlu: Wie wirken sich die intersektionalen Machtverhältnisse bei Dir aus? 

Kien Nghi Ha: Manchmal kommen da ziemlich unwahrscheinliche Kombinationen raus. Ich bin mit meiner Familie als Boat People in der damals recht verruchten West-Berliner Trabantenstadt Märkisches Viertel als Arbeiterkind aufgewachsen.3 Entgegen allen fernöstlichen Traditionen studierte ich Politikwissenschaft – was viele angehende Taxifahrer unbewusst auch tun – und promovierte später sogar als Kulturwissenschaftler. Meine Dissertation über Hybridität und „Rassenvermischung“ in der kolonialen Moderne4 wurde 2011 mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für interkulturelle Studien ausgezeichnet. Ironischerweise weiß ich nicht, ob ich zur wissenschaftlichen Elite gehöre oder ein potentieller Hartz IV-Empfänger bin. Bisher spricht alles für meine langfristige Zugehörigkeit zum akademischen Prekariat. Obwohl ich auch an Universitäten in New York, Heidelberg und Tübingen beschäftigt war, habe ich bisher meist als freier Wissenschaftler, Publizist und Kurator gearbeitet und erwirtschafte gerade so das Mindesteinkommen der Künstlersozialkasse, worauf ich wirklich stolz bin. Hätte mir jemand vor 15 Jahren gesagt, dass ich für das Schreiben eigener Texte bezahlt werde, hätte ich ihn wieder auf seinen Planeten zurückgeschickt. Aber auf eine Art und Weise ist meine gegenwärtige Arbeitssituation schon schizophren und obszön.

Meine Dissertation wurde vor einigen Monaten in einer missgünstigen und sehr einseitigen Rezension eines Weißen Germanisten mit koloninialhistorischen Ambitionen zerrissen. Was mich schockierte, war nicht der Verriss an sich, sondern die Dreistigkeit mit der der Rezensent seine absurden Argumentationsketten und falschen Behauptungen in einer peer-reviewed Wissenschaftszeitschrift aufstellen durfte. So konstruierte der Rezensent den Eindruck, dass ich unkritisch NS-Literatur in einer Fußnote verwandt hätte, was unter Wissenschaftler_innen einem Rufmord gleichkommt. Die Solidarität im mehrheitsdeutschen Kollektiv ging soweit, dass die Redaktion nach der Veröffentlichung der Online-Rezension aufgrund meiner Beschwerde 13 Stellen mit peinlichen Fehldarstellungen ohne Korrekturnotizen nachträglich retuschiert hat. Wie das mit einer transparenten wissenschaftlichen Arbeitsweise vereinbar sein soll, ist mir schleierhaft. Inzwischen habe ich das Anti-Diskriminierungsnetzwerk Berlin (ADNB) um Beratung angefragt und denke gerade über ein neues Buchprojekt zur Dekolonialisierung der deutschen Wissenschaftsinstitutionen nach.5

Mutlu Ergün-Hamaz: Was ist für das Empowerment der Asiatisch-deutschen Community notwendig?

Kien Nghi Ha: Der erste Schritt würde darin bestehen sich selbst als Community zu verstehen und zu organisieren. Dabei verstehe ich das Framing „Asiatisch-deutsch“ nicht unbedingt als notwendigen Rahmen, wenn andere Gemeinsamkeiten und Interessen in dem Moment wichtiger und realer sind. Aber ich gehe davon aus, dass Körper, Aussehen und spezifische Kulturpraktiken (Sprache, Essen, Religion etc.) in rassistischen Gesellschaften machtbesetzte Grenzziehungen darstellen. Ich stelle mir Community-B[u]ildung als ein Prozess des kulturellen Beheimatens vor, so wie eine Wohngemeinschaft in ein neues Haus zieht und sich dort einrichtet. Es ist wichtig auch in einem hookschen sowie Foucaultschen Sinne für sich selbst zu sorgen, die eigenen Wunden zu heilen und sich umeinander zu kümmern. Es ist kein Luxus, sich gut gehen zu lassen und sich im eigenen Haus gemütlich zu machen – gerade für historisch unterdrückte Gruppen. Da, wo das Community-Konzept zu eng oder kulturalistisch ist und sich von den realen Machtkonflikten abgekoppelt hat, sind andere Organisations- und Kampfformen wie Gewerkschaften, NGOs und soziale Bewegungen vorzuziehen.

Mutlu Ergün-Hamaz: Wie kann die Koalitionsarbeit zwischen der Asiatisch-deutschen Community und anderen Communities of Color in Deutschland deines Erachtens vorangebracht werden?

Kien Nghi Ha: Ich denke, dass solche Communities of Color nur dann eine reale Chance haben, wenn wir z.B. ganz ehrlich über Vorstellungen der Opferpyramide etwa durch Colorism, koloniale Versklavung und Genozide im Rassismus reden. Denn die daraus abgeleiteten theoretischen wie praktischen Konsequenzen sind gravierend. So existiert die Vorstellung, dass die Perspektiven von Schwarz aussehenden Menschen auch in PoC-Communities einen besonderen Stellenwert haben und möglicherweise sogar wertvoller und wichtiger seien als die von anderen Rassifizierten. Wenn es unterschiedliche Formen und Intensitäten des Rassismus gibt, dann sind auch die Erfahrungen der davon Betroffenen unterschiedlich. Diese Unterschiede wahrzunehmen, anzuerkennen und auszuhandeln ist von zentraler Bedeutung. Zensur und Hierarchisierungen werden uns nicht weiterbringen, weil repressive Instrumente nicht emanzipativ wirken.

Ich setze auf Kontextualisierung und Differenzierung, was erhebliche intellektuelle Anstrengungen bedarf. Das heißt etwa anzuerkennen, dass Schwarz und Asiatisch Aussehende im deutschen Theater unterschiedlichen Verwertungs- und Ausschließungsmechanismen unterliegen. Diese sind aber nicht statisch, sondern können auch dazuführen, dass die exotisierte, animalisierte Fetischisierung und Ausbeutung Schwarzer Menschen als „schwarzes Gold“ in der Weißen Kulturindustrie dazuführt, dass Schwarze in diesen untergeordneten Positionen eher Zugang finden. Asiatisch Aussehende werden im Weißen Blick häufig als Opposition zu Schwarzen Subjekten vorgestellt, sodass sie im Gegensatz zur Schwarzen Hippness als wenig attraktiv und langweilig gelten. Das führt zu anti-Asiatischen Ausschließungsformen in der rassistisch organisierten Unterhaltungsindustrie, wobei die unterschiedlichen Auswirkungen von Gender, Sexualität und Klassenkulturen dieses Feld noch komplexer machen.

Anmerkungen

1 Kien Nghi Ha (2012): Rostock-Lichtenhagen – Die Rückkehr des Verdrängten. Heinrich Böll Stiftung. [↩]
2 Der Begriff »Chinaman« ist eine diskriminierende Englische Bezeichnung für Männer mit vermeintlich chinesischer oder ostasiatischer Herkunft. Die Ursprünge dieses Wortes reichen bis ins imperialistische 19. Jahrhundert. zurück. Trotz der rassistischen Konnotationen haben Asiatisch-amerikanische Intellektuelle wie Frank Chin und Lauren Yee diesen Begriff in ihren Arbeiten für ihre eigenen Verwendungsweisen angeeignet und ironisiert. [↩]
3 Ausführlicher in Kien Nghi Ha (2013): Boat People. Vom postkolonialen Überleben zur hybriden Metamorphose. In: Michael Petrowitsch (Hg.): Borderline. Kunstkatalog im Rahmen von Maribor 2012 – Europäische Kulturhauptstadt [im Erscheinen]. [↩]
4 Kien Nghi Ha (2010): Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen »Rassenbastarde«. Bielefeld: transcript. [↩]
5 Dokumentation des Falls: http://colonialdisgust.wordpress.com/ [↩]

Mutmacher: Black Interventions

Unsere korientation-Aktivistin, die dekoloniale Stadtforscherin Noa Ha, bezog auf der Veranstaltung “BLACK INTERVENTION” im Ballhaus Naunynstrasse mit der Kurzgeschichte “Mutmacher” Stellung in der aktuellen Debatte über rassistische Begriffe in Kinderbüchern. Der Kulturabend im Ballhaus Naunynstrasse war ein großer Erfolg: Das Publikum erlebte inspirierende Lecture-Performances von mutmachenden Künstler_innen und Wissenschaftler_innen. Diese Intervention löste nachfolgend eine breite Medienresonanz aus. Leider fanden mehr als 150 Interessierte keinen Einlass, weil der Saal mit einer Kapazität von ca. 250 Plätzen bereits vollbelegt war.

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Aus gegebenen Anlass dokumentieren wir die Programmankündigung von “BLACK INTERVENTION” und veröffentlichen die Kurzgeschichte “Mutmacher” von Noa Ha als Preview. Dieser Text wird in der nächsten Ausgabe des transkulturellen Gesellschafts- und Literaturmagazins freitext (April 2013) erscheinen. Bei dem asiatisch-deutschen Themenheft “auftauchen” handelt es sich um eine Koproduktion zwischen freitext und korientation. Nähere Informationen folgen bald. Stay tuned.

BLACK INTERVENTION
Mehr als Worte – Aus Anlass der aktuellen Kinderbuchdebatte
Mit Joshua Kwesi Aikins, Simone Dede Ayivi, Nadine Golly, Noa Ha, Philipp Khabo Köpsell, Mekonnen Mesghena, Nadja Ofuatey-Alazard, Noah Sow
Ballhaus Naunynstr. (Berlin-Kreuzberg), 20. Februar 2013, 19 Uhr

Seit einigen Wochen tobt in Feuilletons und Kulturmagazinen eine Debatte, die erneut zeigt, wie weit die Mitte der deutschen Gesellschaft von einer Akzeptanz ihrer realen Vielfalt noch entfernt ist, und wie sehr es mit der Sensibilität für eine inklusive und herrschaftsfreie Sprache noch im Argen liegt. Sprache ist mehr als ein Kommunikationsinstrument. Sie ist auch ein Barometer sozialer Beziehungen und Verhältnisse. Bis heute aber bedienen sich zahlreiche populäre Kinderbücher der Spracharithmetik der Kolonialzeit.
Die durch Mekonnen Mesghena angestoßene sprachliche Anpassung des Kinderbuches “Die kleine Hexe” hat in Deutschland und weit über die Grenzen hinaus große Wellen geschlagen.
Insbesondere die Nomenklatura der deutschsprachigen Feuilletonseiten verteidigt den Erhalt diskriminierender Begriffe in Kinderbüchern vehement und unter Anrufung verschiedenster Feindbilder: “Zensur”, “Sprachpolizei”, “Political Correctness”. Meinungsvielfalt: Fehlanzeige. Weiße Männer diskutieren miteinander über Rassismus, und darüber, ob Minderheiten sich diskriminiert fühlen dürfen oder nicht: Was damals für den weißen Mann richtig war, das kann heute nicht falsch sein. Nur zaghaft wurden einzelne Stimmen zugelassen, die koloniale Altlasten anprangerten.
Begleitet wird die Debatte mit persönlichen Diffamierungen, rassistischen Angriffen und Hassmails, insbesondere gegen den Initiator der Debatte.
Aus aktuellem Anlass bietet die Veranstaltung “BLACK INTERVENTION” Raum für Schwarze, Person of Color und postmigrantische Stimmen und Perspektiven aus Wissenschaft und Kunst.

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Mutmacher von Noa Ha

In diesem Land gibt es Menschen, die schreiben einen höflichen Brief, um ihre Kritik zu äußern. Ihre Kritik wird angehört, es wird abgewogen und es wird eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung etwas zu ändern, weil der bisherige Weg nicht richtig, sondern falsch und moralisch verwerflich war.

Diesem Entscheidungsprozess ging keine Anklage, noch ein Prozess, noch eine Drohung voraus – sondern ein höflich argumentierender Brief. Dieser Brief wurde von einem Mutmacher, von Mekonnen Mesghena, geschrieben. Sein Brief war der Ausgangspunkt für die Entscheidung des Autors Otfried Preußler, seiner Familie und seines Verlags, einige Wörter in den neu (!) aufzulegenden Kinderbüchern von “Die kleine Hexe” zu ändern.

Seit dieser Entscheidung geht ein Aufruhr durch den deutschen Feuilleton, angeführt von der ZEIT und der FAZ wird dieser Vorgang vor allem als “Zensur” begriffen und die Frage der “Politischen Korrektheit” aufgeworfen. Wir lesen, dass wir auf dem Weg zu einer Trottelsprache sind und plötzlich alle sprachlichen Veränderungen verwerflich seien. Angesichts des oben genannten Vorgangs, der im Einvernehmen mit Kritiker, Autor, seiner Familie und dem Verlag getroffen wurde, erscheint die derzeitige Debatte einerseits wie ein Ablenkungsmanöver (Nein, wir weißen Deutschen wollen uns von gar niemanden sagen lassen, wie und was wir formulieren dürfen. Daher emanzipieren wir uns davon und schreiben es nochmal ganz groß vorne auf die Zeitung “N****” – Ha!). Andererseits erscheint die aufgebauschte Empörung gegen die Modernisierung im Kinderbuch wie ein Ventil für das deutsche (v.a. männliche, weiße, bürgerliche) Selbst, welches Druck ablassen will. Dieser Druck, der sich in den letzten Monaten und Jahren auf sein Gemüt gelegt hatte, weil er sich mit Fragen des institutionellem Rassismus beschäftigen musste und dieser Verdacht kaum von der Hand zu weisen war. Obschon “er” diesen Vorwurf weit von sich wies, weiterhin die Rede von “Pannen” und “Missgeschicken” in die Welt setzte, so war doch der Hauch von Selbstzweifel zu spüren. Ein Zweifel daran, dass Deutschland immer noch nicht entnazifiziert ist, dass immer noch rassistisches Denken das Handeln der Institutionen leitet, ach, und in diese Zeit der Zweifel entblößte die Gruppe “Bühnenwatch” bildungsbürgerliche Selbstverständlichkeiten und skandalisierte Praktiken von Blackfacing.

Ach. So viele Vorwürfe, das war dann dem deutschen zartbesaiteten Gemüt doch ein wenig zu viel. Es hatte so viel Schuld auf sich geladen, und ging einen einsamen deutschen Weg. Während das Land noch den Vorwurf des institutionellen Rassismus versuchte zu verdauen, diesen abwies und nicht wusste, wohin mit sich selbst, just in diesem Moment kommt die Nachricht, dass Preußlers Kinderbücher behutsam überarbeitet werden. Nun soll der deutschen Identität auch noch ihre Kindheit genommen werden. Pah. Jetzt wird es aber persönlich! Das geht aber nun viel zu weit, das ist Zensur! Einmischung! Politische Korrektheit! Sprachpolizei! Trottelsprache! Unsere Kindheit!

Und der Mutmacher? Der hat mir gezeigt, dass dieses Land nicht erwachsen werden will, aber er hat mir noch etwas viel wichtigeres vor Augen geführt. Manchmal kann es so einfach sein, für sich, für seine Kinder und für diese Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Er hat sich hingesetzt, einen Brief geschrieben, seine Kritik höflich formuliert und, ja, er hat sie auch begründet. Er hat sich positioniert, er hat den Dialog gesucht und er hat eine Antwort erhalten. Er traf auf ein Gegenüber, der zu einem Dialog bereit war, obwohl das nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist.
Bei allen N-Wörtern in diesen Tagen, denen ich kaum ausweichen kann und die meine psychische Verfasstheit angreifen – das macht für mich die Bedeutung des Briefes von Mekonnen Mesghena aus: Mit Briefen die Welt zu verändern, das macht Mut und gibt Hoffnung.

Noa Ha, kritische Stadtforscherin of Color, untersucht in ihrer Dissertation Praktiken des Straßenhandels in Berlin-Mitte im Kontext der Hauptstadtwerdung und interessiert sich für die vielschichtigen Prozesse der Raumproduktion, in die sich die Verflechtungen von Macht, Repräsentation und Subjektivierung einschreiben. Sie ist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitherausgeberin von “Global Perspectives on Urban Street Vending in the Neoliberal City” (2013). Ihre letzte Monographie heisst “Informeller Straßenhandel in Berlin. Urbane Raumproduktion zwischen Störung und Attraktion” (2009). Sie ist auch Initiatorin und Mitveranstalterin der internationalen “Decolonize the City!”-Konferenz (2012).

Rostock-Lichtenhagen – Die Rückkehr des Verdrängten

von Kien Nghi Ha

Die Logik der politischen und medialen Ökonomie bringt es mit sich, dass Rostock-Lichtenhagen alle zehn Jahre aus der kollektiven Versenkung der deutschen Geschichte auftaucht, um nach dieser Pflichtübung für die nächsten Jahre wieder in die Vergessenheit abzutauchen. Kurz vor dem 20. Jahrestag des rassistischen Pogroms gegen Roma-Flüchtlinge und vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen in Rostock-Lichtenhagen setzte in vielen deutschen Medien pflichtschuldig die Berichterstattung über die damaligen Ereignisse ein. In zum Teil großformatigen Artikeln und sich ähnelnden Bildserien wurde an die Geschichte des größten Pogroms der deutschen Nachkriegsgeschichte gedacht. Man könnte also meinen, dass die mediale Resonanz sowie die in Rostock durchgeführten öffentlichen Gedenkfeiern vorbildlich seien und eine funktionierende Aufarbeitung bezeugen. Was dabei übersehen wird, ist das dieses Medienereignis aus vielfältigen Gründen problematische Züge aufweist und die Marginalisierung der Opfer dieses Pogroms auf anderen Ebenen reproduziert und fortsetzt. So wie das Zustandekommen und der Ablauf des Pogroms rassistische Gewalt und diskriminatorische Effekte auf allen Ebenen der deutschen Gesellschaft offengelegt hat, wurden diese Probleme nicht nur in der gescheiterten juristischen und politischen Aufarbeitung (vgl. Guski 2012: 31-38), sondern auch in der vergangenen und gegenwärtigen Gedenkpolitik weitergeführt.

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Das heutige Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee 19 ©KNH

Die Halbwertszeit der Entinnerung

Die Schwierigkeit eine glaubwürdige Erinnerungskultur zu etablieren fängt schon bei der Frage an, wem eigentlich zugestanden wird, für wen in diesem Rahmen zu sprechen. Während die dominante Weiße Kultur und ihre Mitglieder sich dieses Recht einfach nehmen, sind die Stimmen der People of Color-Opfer kaum zu vernehmen. Dies ist auch ein Ergebnis des rassistischen Pogroms selbst, da viele der angegriffenen Roma-Familien wie auch der vietnamesischen Vertragsarbeiter_innen weder staatliche Wiedergutmachungsleistungen noch Opferschutz erhielten und später abgeschoben wurden (Guski 2012: 35). Das Pogrom hat traumatisierende Spuren hinterlassen. Viele der in Deutschland Gebliebenen müssen sich wie andere postkoloniale Migrant_innen und Persons of Color mit fortgesetzter Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung auseinandersetzen, die den Betroffenen viel Energie zur Bewältigung ihres schwierigen Alltags raubt. Angesichts einer oftmals ignorant auftretenden mehrheitsdeutschen Umwelt, resignieren viele und suchen – wie die Lichtenhäger_innen – ihr Heil in der Verdrängung.

Die Widersprüche der asymmetrischen Gedenkdiskurse liegen nicht nurim mangelhaften Interesse der deutschen Medienlandschaft und der politischen Kultur begründet. Ebenso werden die Möglichkeiten zur kulturellen Repräsentationen und politischen Artikulationen durch gesellschaftliche Machtverhältnisse und rassifizierte Zugänge zu Ressourcen reguliert und beschränkt. Wie vor zehn Jahren ist auch diesmal die weitgehende Abwesenheit der Perspektiven der Opfer der rassistischen Angriffe ein strukturierendes Element der hegemonialen Erinnerungskultur, die durch mehrheitsdeutsche Wahrnehmungen und Deutungen geprägt ist. Ähnlich wie bei anderen markanten rassistischen Ereignissen ist die Aufarbeitung dieses Pogroms in der Weißen Mehrheitsgesellschaft bisher nur als zeitlich begrenztes Sonderthema zulässig. Die Thematisierung von Rassismus im gesellschaftlichen Mainstream findet gegenwärtig nur kurzfristig, ereignisabhängig und nachholend statt, aber nicht als systemimmanente Aufgabe, die uns ein anderes Bild der Normalität und ein verändertes Bewusstsein vermitteln könnte. Die Halbwertszeit von Rostock-Lichtenhagen beträgt daher genau zehn Jahre.

So gesehen spiegelt das Medienereignis „Rostock-Lichtenhagen“ vor allem seine diskursive und kulturpolitische Abwesenheit wider. Da ein Großteil des jüngeren Publikums unter 30 Jahren kaum eigene Erinnerungen mit „Rostock-Lichtenhagen“ verbindet, erscheint diese ritualisierte Wissensvermittlung zu den symbolischen Jahrestagen verständlich. Gleichzeitig offenbart diese medial praktizierte und gesellschaftlich akzeptierte Form der Gedenkkultur damit ihr offensichtliches Scheitern. Die Notwendigkeit alle zehn Jahre immer wieder die Gründzüge eines voraussetzbaren Wissens zu erläutern, zeigt auf, dass es keine bewusste Form der kontinuierlichen Auseinandersetzung gibt und die Aufklärungsarbeit immer wieder bei Null anfängt. Denn „das Wissen um die rassistischen Ausschreitungen [ist] auch zehn Jahre später sehr begrenzt“ (Guski 2012: 31). Auch heute ist das Pogrom nicht Bestandteil des gesellschaftlich verfügbaren Allgemeinwissens, sondern wurde in Nischen verbannt. Es erinnert Weiße Deutsche zu sehr an den eigenen hässlichen Michel, der betrunken im Nationaltrikot mit einer Urin befleckten Jogginghose den Hitlergruß zeigt und sich vor der Weltöffentlichkeit blamiert. Dieses Selbstbild ist wie das brennende Sonnenblumenhaus oder die hasserfüllten Gesichter eines entfesselten Mobs ein ikonografisches Bild, das uns alle unterschiedlich verfolgt. Es ist nur schwer aus dem Gedächtnis zu tilgen, weil es emotional besetzt ist. Bilder und Gefühle sind beständiger als faktisches Wissen und daher schwieriger zu kontrollieren und aus der Welt zu schaffen.

Selektion und Auslassungen

In den dominanten Erzählungen wird das Rostocker Pogrom in erster Linie als vergangen und abgeschlossen dargestellt, während Fragen nach unaufgearbeiteten Langzeitfolgen und politischen Verbindungen zur Gegenwart kaum von Interesse sind. Auch der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck betonte am 26.08.2012 in seiner Rede auf der zentralen Gedenkveranstaltung im ersten Satz diese historisierende Haltung: „Es ist Vergangenheit, was uns heute hier in Lichtenhagen zusammenführt – was wir erinnern, was wir beklagen, was uns beschämt: Alles war vor zwanzig Jahren. Es ist Vergangenheit.“ (Gauck 2012). Später nahm er sich das politische Privileg der Entscheidungsfreiheit über die zuvor selbst verkündete Abgeschlossenheit zu relativieren, nachdem er dieses Paradigma als Ausgangsbasis konstituiert und sichergestellt hatte.

Ein anderes Beispiel sind historisierende Chronologien, da es mehr als fraglich ist, ob mit selektiven Hervorhebungen und Auslassungen ein geschichtlich bedeutsames Ereignis mit vielen komplexen Einzelereignissen und Folgewirkungen sinnvoll rekonstruiert werden kann. Vielmehr besteht die Gefahr, dass mit solchen schnelllebigen journalistischen Kurzformaten ein eher verfälschendes Abbild einer vergangenen Realität erzeugt wird, das vor allem liebgewonnene Überzeugungen und verfestigte Geschichtsbilder des gesellschaftlichen Mainstreams bedient. Was sich banal anhört, hat im diesen Fall durchaus weitreichende Effekte: Beispielsweise wird Rostock-Lichtenhagen gerade in kritisch intendierten Analysen häufig in einer Reihe mit Mölln, Solingen und Hoyerswerda genannt, die als ikonografisch markierte Orte rassistischer Gewalt in das medial akzeptierte Bild Eingang gefunden haben. Was bei dieser Komplexitäts- und Realitätsreduzierung aus dem Blick gerät sind nicht minder gravierende Angriffe auf Flüchtlinge, Schwarze, türkisch aussehende Menschen und andere Personen of Color, die zum Ziel rassistischer Gewalt gemacht werden.

So ist das Pogrom in Mannheim-Schönau gegen ein Flüchtlingsheim zum Vatertag (26. bis 31. Mai 1992) weitgehend in Vergessenheit geraten (Möller 2007), genauso wie die Jagd auf eine Gruppe Schwarzer Menschen durch die Magdeburger Innenstadt am Himmelfahrtstag 1994 nur kurzfristig beachtet wurde (Härtung 1994). Andere Beispiele aus der Liste des unsichtbar gemachten Rassismus betreffen den von Mitgliedern der rechtsextremistischen Deutschen Aktionsgruppen durchgeführten Brandanschlag auf ein Hamburger Flüchtlingsheim, bei dem die jungen vietnamesischen Boat People Ngoc Nguyên und Anh Lân Dô 1980 ermordet wurden (Keil 2012 und Ha 2012b). Im Unterschied zu den lange Zeit vertuschten Mordtaten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sorgte die Hetzjagd gegen acht indische Männer im sächsischen Müggeln zunächst weltweit für Schlagzeilen (Wittstock 2007 und The Telegraph Calcutta 2007), ehe das mediale Vergessen als Form der Weißen deutschen Normalitätsvorstellung wieder die Oberhand gewann.

In diesem Kontext gehört auch die Kontroverse um die vom Bundesinnenministerium nicht anerkannten rechtsextremistischen Morde. Bis zur Aufdeckung des NSU-Terrors wurden offiziell lediglich 47 Morde anerkannt. Im Zuge der Kritik an der verharmlosenden Wahrnehmung und Darstellung des rechtsextremen Terrors sowie der skandalösen Arbeit deutscher Sicherheitsbehörden wurde von amtlicher Seite nachträglich weitere rechtsextremistisch motivierte Morde eingestanden, so dass im Mai 2012 nunmehr insgesamt 63 Mordopfer statistisch erfasst wurden. Dagegen sind in den Opfer-Chroniken des Sterns, der ZEIT, des Tagesspiegels, der Frankfurter Rundschau und der Amadeu Antonio-Stiftung 182 rechtsextremistische Mordopfer verzeichnet (Jansen 2012 und Erkol/Winter 2011).

Oftmals wird Rostock-Lichtenhagen nicht in Verbindung mit den anderen rassistischen Großereignissen in einem ideologie- und gesellschaftskritischen Zusammenhang analysiert, um an den damals konsensfähigen politischen Extremismus der Mitte zu erinnern. Im Zuge einer politisch-ideologisch motivierten Kampagne wurden nicht nur durch „BrandSätze“ (Jäger 1992) rassistische Gewalt durch Biedermänner und Rechtsextreme entfacht, sondern auch das Asylgrundrecht de facto ausgehebelt. Noch seltener wird Rostock-Lichtenhagen zum Anlass genommen, um über die rassistische Struktur und Geschichte der deutschen Gesellschaft zu reflektieren, die überhaupt erst ein Pogrom in diesem Ausmaß ermöglichen. Selbst so naheliegende Fakten wie die langjährig verschleppte und letztlich gescheiterte juristische wie politische Aufarbeitung der Gewalttäter und verantwortlichen Funktionäre stellen in einer Reihe von Presseberichten keine selbstverständliche Hintergrundinformation dar.

Solche Auslassungen und Defizite sind umso problematischer, wenn – wie in diesem Fall – nicht einmal die wissenschaftliche Erforschung dieses Pogroms als kritisches Korrektiv zur Verfügung steht. Anscheinend wird die wissenschaftliche Arbeit dazu als nicht relevant oder karrierefördernd erachtet, so dass die wissenschaftliche Aufarbeitung etwa in Form von detaillierten Studien auch nach 20 Jahren nur wenig Fortschritte gemacht hat. (1) Diese Leerstelle gilt auch für die journalistische Auseinandersetzung, die kaum über die tagespolitische Berichterstattung und Kommentierung hinausreicht. Dieser Sachverhalt ist umso verwunderlicher als die Weiß gefärbte öffentliche Kultur die mediale und gesellschaftspolitische Bedeutung des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen – zumindest in ihren offiziellen Stellungnahmen und Festreden zu den runden Jahrestagen – durchaus betont, aber ansonsten kaum praktische Schritte unternimmt, um diesem Einschnitt in der politischen Kultur und dem gesellschaftlichen Selbstverständnis vor dem Vergessen und der „Weißwaschung“ zu bewahren.

Gedenken in Weiß

Das ambivalente Missverhältnis zwischen Anspruch und Realität wurde auch in der „unfreiwilligen“ Rede von Bundespräsident Gauck vor dem Sonnenblumenhaus bezeugt als er – wie Journalist_innen recherchiert haben wollen – zum ersten Mal in seinem politischen Leben das Rostocker Pogrom in einer öffentlichen Rede zum Thema machte. Dies ist umso bemerkenswerter und symbolträchtiger als Gauck lange Jahre als Pastor und DDR-Bürgerrechtler in Rostock gewirkt hat und mit seiner Geburtstadt in besonderer Weise verbunden ist (Becker 2012). Obwohl seine Rede vielfach in der Presse als couragiert und respektabel gewürdigt wurde, enthält sie mehrfach fragwürdige Annahmen, wenn Gauck etwa stereotyp über „Fremdenfeindlichkeit“ redet und nur ein einziges Mal wagt den Begriff „Rassismus“ auszusprechen. Seine Beschwörung der naturwüchsigen „Angst vor dem Fremden“ geht mit einer Normalisierung der „Fremdenfeindlichkeit“ einher, die zu dem vor allem ein DDR-Spezifikum sei. In Gaucks Rede vermischt sie diese Konstruktion mit einer banalen Kulturkonflikttheorie, die kulturelle Differenzen als bedeutsame Quelle der „Fremdenfeindlichkeit“ ausmachen will. Vor diesem Hintergrund wirft seine Forderung „Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände!“ (Gauck 2012) nicht nur die Frage nach dem dahinterstehenden Heimatbegriff auf, sondern auch die Frage, wer und wessen Erfahrungen, Werte und Perspektiven das gesellschaftliche Wir ausmachen.

Trotz oder gerade aufgrund der erschreckenden Dimensionen der NSU-Morde sind Verweigerungs- und Abwehrreflexe gegen Aufklärung kein Ausnahmephänomen wie die jüngsten Skandale über vertuschte Aktenvernichtung beim Bundesverfassungsschutz (Die Welt 2012) und Irreführung des Untersuchungsausschusses des Bundestags durch den Militärischen Abschirmdienst eindrucksvoll demonstrieren (Denkler 2012). Auch die politischen Elite sieht anti-rassistische Arbeit wohl eher als eine „peinliche Pflicht“ (Becker 2012) an, vor der man sich am liebsten drückt: Selbst zum 20. Jahrestag hielten sowohl die aus Mecklenburg stammende Bundeskanzlerin, der zuständige Bundesinnenminister als auch der Rostocker Oberbürgermeister es weder für nötig noch für politisch opportun an einem der wenigen offiziellen Gedenkveranstaltungen in Lichtenhagen teilzunehmen. Auch etliche Spitzenpolitiker_innen der Bundestagsparteien hatten – mit Ausnahme von Claudia Roth – scheinbar wichtigere Termine. Es wäre wohl eine Illusion anzunehmen, dass diese auferzwungenen Gedenktermine mehr als rhetorische Übungen darstellen (Becker 2012).

Das die dominante Form des Weißen Gedenkens immer wieder rassistische Diskurse und Praktiken produziert, lässt sich an weiteren Beispielen verdeutlichen. Während Weiße Mitglieder der gesellschaftlichen Elite nur selten Anteilnahme und Interesse bekunden, werden People of Color weder in die offiziellen noch in den alternativen Gedenkveranstaltungen auf gleicher Augenhöhe einbezogen. So wurde die wenigen verbliebenen vietnamesischen Opfer des Pogroms erst sehr kurzfristig von den Veranstalter_innen anfragt an der städtischen Gedenkveranstaltung mit dem Bundespräsidenten teilzunehmen, da die Organisator_innen ihre Teilnahme offenbar als nicht wichtig erachteten. Erst nach Anregungen aus der vietnamesischen Community wurden mit große Mühe einige wenige Vietnames_innen zur Teilnahme überredet, wo sie leider nicht öffentlich das Wort ergreifen durften, sondern eher als schmückendes Beiwerk der öffentlichen Inszenierung dienten. Ähnlich erging es der Roma-Community, da niemand auf die Idee gekommen war, etwa den Zentralrat der Roma stellvertretend für die tagelang angefeindeten und später abgeschobenen Roma-Flüchtlinge einzuladen oder um einen Redebeitrag zu bitten. (2) Solche Ausgrenzungen führen zu einer homogenisierten Form des Gedenkens, das sich auch auf der Alltagsebene widerspiegelt. So wurden zwei Mitglieder des deutsch-afrikanischen Vereins „Daraja“ trotz persönlicher Einladung der Einlass zur zentralen Gedenkveranstaltung in Rostock-Lichtenhagen verweigert, während nachkommende Weiße Gäste passieren durften. (3)

Auch das Weiße linke Bündnis (4), das die bundesweite Demonstration am 25.08.2012 organisierte und die Anbringung einer Gedenktafel am Rostocker Rathaus durchführte, beteiligte sich an einer dominanzdeutschen Kultur. So wurden keine Organisationen von People of Color, Flüchtlinge und Muslim_innen in dieses Bündnis einbezogen, so dass ihre Perspektiven und Positionen sich nicht in diesem alternativen Erinnerungsraum wiederfanden und sie die Arbeit dieses Bündnisses nicht mitbestimmen konnten. Der Versuch Persons of Color individuell etwa als Gäste für Redebeiträge einzuladen, ist keine Alternative zur gleichberechtigten Zusammenarbeit und ist nicht frei von instrumentalisierenden Elementen. Mit welchen Unsichtbarmachungen und Problemen ein eurozentristischer Diskurs behaftet ist, lässt sich gut an der angebrachten Gedenktafel ablesen, die temporär von der Stadt geduldet wird und als Replikat an ein anderes historisches Ereignis erinnert. Beim Versuch eine gleichlautende Gedenktafel im Oktober 1992 anzubringen wurden Mitglieder der Gruppe „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs“ um Beate Klarsfeld am Rathaus verhaftet. Während eine Ergänzungstafel über diesen historischen Hintergrund aufklärt, wird die Tatsache, dass vietnamesische Migrant_innen, postkoloniale Flüchtlinge und andere Persons of Color das tatsächliche Ziel rassistischer Gewalt sind, verschwiegen. Ebensowenig findet sich ein Hinweis auf die unkritische Verwendung problematischer Begriffe wie „Zigeunerlager“ oder „das deutsche Volk“.

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Replikat der Gedenktafel „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs“ (1992) am Rostocker Rathaus, 25.08.2012, © KNH

Verdrängung und Unsichtbarmachung

Zur Struktur des Erinnerungsdiskurses zu „Rostock-Lichtenhagen“ gehört eine Dominanz, die sich auf die Perspektiven der Weißen Gesellschaft und ihr diskriminatorisches Wissen fokussiert. Nicht nur bei Gauck, sondern auch in vielen Medienberichten fällt auf wie unbekümmert oder trotz besseren Wissens stigmatisierende oder sinnwidrige Begriffe wie „Fremde“ „Ausländerfeindlichkeit“ und „Asylanten“ weiterhin Verwendung finden, wodurch Rassismus entnannt wird. Diese Kritik- und Aufklärungsresistenz beruht auf einer Machtstruktur, die auf der Marginalisierung anti-rassistischer Positionen und der Machtlosigkeit non-konformer Perspektiven beruht. Wie Unsichtbarmachung funktioniert, zeigt sich besonders deutlich im Film- und Fernsehbereich.

Auf dieser Ebene fällt zunächst auf, dass „Rostock-Lichtenhagen“ offensichtlich von den Programmverantwortlichen als unzumutbares oder uninteressantes Thema für den Massengeschmack angesehen wird. Entsprechend dieser Einschätzung wollte kein Fernsehsender mit einer Live-Übertragung der zentralen Gedenkveranstaltung sein Publikum vergraulen. Trotz des Bildungsauftrags der öffentlich-rechtlichen Sender hielten weder ARD noch ZDF es für nötig zum Jahrestag dieses Thema aufzugreifen. Das Gedenken an Rostock-Lichtenhagen wäre als Fernsehereignis beinahe komplett ausgefallen, wenn nicht der Sender „Phoenix“ einen Film über dieses Pogrom in einem Themenabend integriert und der NDR eine neue Dokumentation ausgestrahlt hätte (Bax 2012).

Auf der Ebene der Dokumentarfilme fällt eine Verschiebung auf, bei der die Opfer des Rassismus nicht nur visuell in den Hintergrund treten, sondern auch immer weniger selbst zu Wort kommen. Das lässt sich in einem historischen Längsschnitt gut aufzeigen: Der erste Dokumentarfilm, der sich dezidiert mit dem Lichtenhagener Pogrom auseinandersetzt, stammt von den englischen Dokumentarfilmer_innen Mark Saunders und Siobhan Cleary. „Die Wahrheit liegt/lügt in Rostock (1993) wurde mit Unterstützung von angegriffenen Vietnames_innen wie lokalen Antifa-Initiativen gedreht und verwendet zum Teil auch das selbst erstellte Videomaterial dieser Gruppen. Neben der Einbettung des Pogroms in zeitgeschichtliche und politische Zusammenhänge wird auch ein großer Wert auf die Opferperspektiven gelegt. Das sieht bei Kamil Taylans „Die Feuerfalle von Rostock. Der Brandstifter, der Jubel und ein verstörtes Land“ (2002) schon anders aus. Hier liegt der Fokus eindeutig auf persönlichen Narrativen und Erinnerungen, wobei die Erzählungen der rassistischen Täter und anderer Weißer eindeutig dominieren, während die Perspektiven der Angegriffenen im Verhältnis dazu in den Hintergrund rücken. Im neusten Dokumentarfilm „Als Rostock-Lichtenhagen brannte“ (2012) von Florian Huber wird dieses Missverhältnis noch krasser. Vietnamesische Zeitzeug_innen tauchen dort gar nicht mehr auf, während vor allem den Täter_innen großzügig Aufmerksamkeit geschenkt wird (Sakowitz 2012). Die Verdrängung und „Weißwaschung“ zeithistorischer Authentizität geht weiter und nimmt dabei auch neue Formen an: So tauchen in letzter Zeit eine Reihe von Erinnerungsberichten auf, in denen Journalist_innen sich selbst den Status von Zeitzeug_innen zusprechen, weil sie sich damals als Berichterstatter_innen mit den Angriffen in Lichtenhagen befasst hätten (vgl. Vestring 2012 und Biskup 2012).

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Ein Kameramann verfolgt das rassistische Treiben vom Sonnenblumenhaus aus. Szene aus: „Die Wahrheit liegt/lügt in Rostock“ (1993).

Verharmlosung und Rechtfertigung

Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurde ein Großteil der Artikel in diesem erinnerungspolitischen Diskursfeld von Mitgliedern der Weißen Dominanzkultur geschrieben und visuell erstellt, so dass sich die Gefahr einer Monopolisierung der öffentlichen (Re )Konstruktion und Reflektion des Pogroms ergibt. Eine Folge besteht darin, dass das Pogrom mehrheitlich als „Krawalle“, „Übergriffe“ oder „Ausschreitungen“ relativiert wird und diese unterschiedlichen Gewaltkategorien mit ihren je eigenen Bedeutungen beliebig erscheinen.

Dabei wird die gesellschaftspolitische Bedeutung des Pogroms in Lichtenhagen jenseits einem einfachen Links-Recht-Schema von unterschiedlichen Akteuren in Frage gestellt und nachträglich umgedeutet. Beispiele dafür finden sich etwa in Publikationen, die gemeinhin unterschiedlichen Politiklagern zugeordnet werden. Ein ostdeutscher Autor, der bereits 1992 vor Ort war, wertet im Freitag die rassistischen Mordversuche als Aufstand der Deklassierten auf: „Als in Rostock-Lichtenhagen Molotowcocktails fliegen, sind es die Deklassierten, die aufbegehren. Ausländerhass spielt eine Nebenrolle, er ist nur Mittel zum Zweck“ (Laske 2012). In seiner Argumentation sind die Lichtenhäger_innen, als Verlierer_innen der Einheit, die eigentlichen Opfer, denn „die Rostocker traf es besonders hart“ wie die Zwischenüberschrift betont. Ihre Perspektive und ihre Lage sind Dreh- und Angelpunkt des hier konstruierten Geschichtsbildes. Nach dieser Darstellung wurden die im Sonnenblumenhaus eingeschossenen vietnamesischen Menschen nicht wirklich angegriffen, sondern sind nur Opfer einer Verwechselung: „Die Molotowcocktails, die gegen den Neubaublock fliegen – jeder kennt die Bilder – scheinen auf die Vietnamesen zu zielen, die in dem Plattenbau leben. Doch in erster Linie wendet sich der Volkszorn gegen Sinti (5) und Roma, die seit Wochen um das Haus herum campieren. Die sollen weg. Die vor allem und als Erste“ (ebd.). Vor dem Hintergrund des gezeichneten Sittengemäldes wirken die abschließenden Worte des Autors „Denn wir lieben Ausländer. Wir hassen nur ihre Armut“ (ebd.) zynisch.

Karsten Laske ist aber nicht der einzige, der Rassismus aus dem historischen Bild wegretuschiert und dem Pogrom als „Katalysator“ zur Bewältigung sozialer Missstände positive Seiten abgewinnt. Noch einen Schritt weiter geht Jasper von Altenbockum, verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), in seinem FAZ-Leitartikel, der unter der Überschrift „Lichtenhagen: Ende der Sozialromantik“ (6) erschien. Darin mokiert er sich über die zur „Übertreibung“ neigende Kritik gegen das staatliche Versagen und einer Regierungspolitik, die die Pogromstimmung damals forcierte und später durch organisierte Verantwortungslosigkeit ein beschämendes Bild abgab. Er möchte nicht, dass Politiker_innen „bis heute als halbe Nazis dämonisiert“ (Altenbockum 2012) werden, wenn sie – wie der Autor selbst – „Überfremdung“ als wahren Grund für die explosive rassistische Gewalt konstatieren: „Doch in Rostock und anderswo in Deutschland war längst ein makabres politisches und soziales Experiment im Gange: Wie lange hält es eine Gesellschaft aus, dass Monat für Monat zehn-, zwanzig- oder auch dreißigtausend Asylbewerber ins Land strömen? Das war verantwortungslos. Nur Romantiker können das nicht verstehen“ (ebd.). Den krönenden Abschluss dieser wahnwitzigen Tirade stellt jedoch folgende Behauptung dar: „Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung“ (ebd.), wodurch das Pogrom zum legitimen und vernunftsgeleiteten Korrektiv des „Volkszorns“ gegen einer unbesonnen handelnden Politik erhoben wird. Erst durch das Pogrom kehrte die Vernunft in die Politik zurück, weil dadurch vernünftigerweise der „Asylkompromiss“, das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“ und „neue rechtliche Möglichkeiten für eine gesteuerte Einwanderung“ herbeigeführt wurden. Dieser christlich-fundamentalistischen Argumentation folgend fragte der stellvertretende Juso-Bundesvorsitzende in seinem Offenen Brief an Altenbockum kritisch: „Und wen haben eigentlich die NSU-MörderInnen ‚zur Besinnung gebracht‘? (Enke 2012).

Diskussionsrunde mit Nguyễn Quốc Toản, Angelika Nguyen, Mai-Phuong Kollath, Kien Nghi Ha, Thu Trang Tran Thi und Anh Ngo auf dem Berliner Festival gegen Rassismus 2012 © Karl

Widerstand und deutsch-vietnamesische Perspektiven

Trotz der aufgeführten Kritik wäre es falsch davon auszugehen, dass nicht immer wieder versucht wurde das Machtungleichgewicht, sowie das selbst verordnete oder aufgedrückte Schweigen auf deutsch-vietnamesischer Seite zu durchbrechen. Davon zeugen etwa Veröffentlichungen, die oftmals aus rassismuskritischen Perspektiven von People of Color- historische Spurensuche, Kultur- und Wissensproduktion mit analytischer Theoriearbeit verbinden (etwa Gutiérrez Rodriguez/Steyerl 2003, Eggers/Kilomba/Piesche/Arndt 2005 und Ha/Lauré al-Samarai/Mysorekar 2007, Arndt/Ofuatey-Alazard 2011). Der soeben erschienene Sammelband „Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Ha 2012a) knüpft an diese intellektuelle Tradition an. Damit liegt jetzt eine Anthologie vor, die großen Wert auf vielfältige vietnamesisch-deutsche Perspektiven, aber auch Cross-Community-Diskussionen mit Schwarzen, muslimischen Menschen sowie anderen Persons auf Color legt. Darin werden auch rassistische Gewalterfahrungen im Alltag etwa mit Weißen Polizist_innen oder auch in Rostock-Lichtenhagen bearbeitet.

Angesichts der weitverbreiteten Schweigens und der strukturellen Schwierigkeiten in den bestehenden vietnamesischen Migrant_innenvereinen angemessen das Rostocker Pogrom zu diskutieren (Ha 2012c), wurde für den 19.08.2012 spontan die intergenerative und mit gutem Feedback bedachte Podiumsdiskussion „Fire and forget? Deutsch-vietnamesische Perspektiven 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen“ (7) auf dem Berliner Festival gegen Rassismus (8) organisiert. Dort waren mit Mai-Phuong Kollath (Interkulturelle Trainerin und Zeitzeugin in Rostock), Anh Ngo (Diplom-Padägogin im Netzwerk gegen Rassismus in Schulen), Angelika Nguyen (Filmwissenschafterin und Autorin), Nguyễn Quốc Toản (Erziehungswissenschaftler und Empowerment-Trainer), Thu Trang Tran Thi (Lichtenberg mit Courage) und dem Moderator Kien Nghi Ha (Vorstandmitglied des deutsch-vietnamesischen Netzwerks korientation) Sprecher_innen mit ost- und westdeutschen wie auch nord- und südvietnamesischen Hintergründen vertreten. Es war ein intensives und anregendes Gespräch, das bei allen Beteiligten den Wunsch auslöste in Zukunft verstärkt solche Foren und Räume aufzubauen. Unter anderem regte Mai-Phuong Kollath die Erstellung eines Dokumentarfilms über Rostock-Lichtenhagen mit Zeitzeug_inneninterviews aus deutsch-vietnamesischer Perspektive an. Das ist ein sehr lohnenswertes Projekt und würde an Widerstandspraktiken der angegriffenen Vertragsarbeiter_innen im Sonnenblumenhaus anknüpfen. Neben der provisorischen Selbstbewaffnung mit Holzstangen dokumentierten sie mit eigenen Videokameras den Ablauf des Pogroms. Dieses Zeitzeugnis hat auch Raum für Gegendiskurse geschaffen, in dem die Blickrichtung sich umkehrt und wir die Welt aus der minoritären Perspektive sehen.


Kien Nghi Ha: „Ich bin hier, weil ihr hier seid“ (© leftvision). Rede auf dem anti-rassistischen Kulturfestival „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ am 25.08.2012 vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen

Mein Leserbrief, den ich am 26.08.1992 als junger Student der Politikwissenschaft nach der Brandnacht im Lichtenhagen schrieb, ist ein anderes Beispiel für widerständige Praktiken. Er wurde in „der tageszeitung“ am 01.09.1992 in Auszügen veröffentlicht.

Leserbrief: Pogrom in Rostock, Berlin, 26.08.1992

Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, fühlte sich nach den Angriffen so „betroffen“, obwohl die rassistischen Angriffe gar nicht ihm galten. Wahrscheinlich fühlte sich Kupfer auch schon vor den Bränden als Opfer von Verleumdungen, in denen ihm Inkompetenz und Versagen vorgeworfen wird. Aber dies zeugt immerhin von einer guten Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Die „Betroffenheit“, falls sie bestand, reichte jedoch nicht zu einem Besuch des Flüchtlingsheims in Rostock-Lichtenhagen als Zeichen des Mitgefühls bzw. der Solidarität, was von AntifaschistInnen unter Lebensgefahr praktiziert wurde. Komisch bzw. traurig ist nur, daß der „Betroffene“ Kupfer sogleich das Asylrecht durch „Ergänzung“ abschaffen will, und sogar Verständnis für faschistisch-rassistische Gewalt aufbringen kann. Aber auch dieser Akt des triefenden Opportunismus und der Verlogenheit ist nur ein Kapitel im Buch „Politik auf Kosten von MigrantInnen“.

Gleichzeitig wurden und werden Opfer zu Täter gemacht, Verbrechen relativiert, „erklärt“ und entschuldigt und die versuchten Mörder damit entlastet, wenn nicht sogar freigesprochen. Das Prinzip der Machterhaltung hat in dieser Demokratie Vorrang. Schließlich sind die braven faschistoiden BürgerInnen das Stimmvolk von heute und die gewalttätigen Kids die WählerInnen von morgen. Die meisten Politiker der etablierten Parteien trauen sich nicht den Deutschen ihr Spiegelbild zu zeigen, das von der mangelnden Aufarbeitung der nazistischen Vergangenheit und dem allgegenwärtigen Rassismus in der deutschen Gesellschaft verzerrt ist. Durch die Sozialisation haben wir alle, bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger, diese Auffassungen irgendwo verinnerlicht.

Es ist viel leichter mit bequemen Scheinwahrheiten zu leben, in denen die Deutschen sich als Opfer der „Flut der Asylanten“, der „kriminellen Ausländer“, die im Park herumlungern und damit das deutsche Ordnungsgefühl irritieren, der „Wohnungsklauer“ und „Dumpingarbeiter“ sehen. So werden aus Privilegierten plötzlich bedauernswerte Opfer, Benachteiligte und ungerecht Behandelte. Schließlich kommen noch „Zukunftsängste“, ein „Bruch in der Biografie durch das verfallende Sozialmilieu einschließlich Elternhaus“, „Werteverfall aufgrund des Zusammenbruchs der DDR und der sozialistischen Werte“, Arbeitslosigkeit, Alkohol und Langeweile hinzu, die das Bild abrunden. Müssen wir MigrantInnen und Flüchtlinge da nicht akzeptieren, daß die armen Jungs ein Ablaßventil brauchen. Aber keine Sorge, der nächste Aufschwung kommt bestimmt.

Die Realität ist jedoch, dass MigrantInnen und vor allem Flüchtlinge in einem viel stärkeren Maß unter Zukunftsängsten aufgrund der rechtlichen Ungleichbehandlung (unsichere Aufenthaltsstatuten, keine politische Partizipation und Bürgerrechte) und einer noch schlechteren Situation auf dem Arbeitsmarkt leiden. Hatten wir keinen Bruch in unserer Biografie als wir nach Deutschland kamen und Familien durch Bürgerkriege, politische, religiöse und ethnische Verfolgungen, Morde oder einfach durch Armut auseinander gerissen wurden? Wurden wir hier nicht mit einer neuen dominierenden Kultur mit anderen Werten konfrontiert? Und haben die Flüchtlinge, die keine Arbeit finden, nicht ebenfalls Langeweile? Aber wem interessiert das? Wir veranstalten, obwohl unsere Probleme denen der Ossis im nichts nachstehen, keine Pogrome! Daher kann dieser Erklärungsansatz kaum befriedigend sein. Diese Gewalt hat seine Wurzeln im gesellschaftsfähigen Nationalismus und Rassismus. Die rassistisch-faschistischen Gewalttäter unterscheiden sich nur durch die angewandte Gewalt von den ach so braven BürgerInnen, aber nicht durch ihre Auffassungen. Noch leugnen sie, die PolitikerInnen, die SoziologInnen, die BürgerInnen, aber wie lange noch?

I write to fight     Ich schreibe um zu kämpfen
erasure     gegen die Auslöschung,
to demand a voice,     um eine Stimme zu erhalten,
to become visible     um sichtbar zu werden,
to claim     um mir meine Geschichte
my history.     anzueignen.
I write to turn on the light.     Ich schreibe um das Licht anzuschalten

Kitty Tsui, Asian American   Kitty Tsui, asiatisch-amerikanische lesbische 
Lesbian Poet and Activst       Dichterin und Aktivistin

Kien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts für post-koloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen und Vorstandsmitglied von korientation. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Heidelberg und Tübingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt.
Kien Nghi Ha hat für korientation die Diskussionsveranstaltung „Fire and forget? Deutsch-vietnamesische Perspektiven 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen“ auf dem Berliner Festival gegen Rassismus (19.08.2012) organisiert und moderiert, um die beginnende Aufarbeitung von Rostock-Lichtenhagen aus einer asiatisch-deutschen Perspektive anzuschieben. Außerdem beteiligte er sich an der Diskussion „20 Jahre Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und deutsche Zustände heute“ in der Werkstatt der Kulturen Berlin (22.08.2012). Kien Nghi Ha ist außerdem Herausgeber des Sammelbands „Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Verlag Assoziation A). Darin sind Interviews mit den Zeitzeugen Mai-Phuong Kollath und Biblap Basu enthalten, die über ihre Erfahrungen zu den Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen sprechen.

Fußnoten

(1) Die wissenschaftliche Literaturliste in Form von Sammelbänden und Monografien zum Thema ist extrem übersichtlich: Neben wenigen zeitgenössischen Analysen von Siegrid Jäger u.a. (1993), dem Kapitel „Rostock-Gate“ (S. 103-177) in Hajo Funkes Buch „Brandstifter“ (1993), sind in der Folgezeit nur vereinzelt weitere Studien erstellt worden wie die Diplomarbeit von Bernd Schulz (1999) oder das Heft der Bürgerschaft der Hansestadt Rostock (2002) zum zehnten Jahrestag. Diesem Rhythmus folgend ist in diesem Jahr eine weitere Publikation zum Thema hinzugekommen, die von Thomas Prenzel (2012) herausgegeben wurde. Darüber hinaus ist nur noch das Buch des Journalisten Jochen Schmidt (2002) erwähnenswert, der seine Erinnerungen und Analysen zum letzten Jubiläum publizierte. Das Buch beruht auf seine politikwissenschaftliche Magisterarbeit von 1998.
(2) Bündnis „20 Jahre nach den Pogromen. Das Problem heisst Rassismus“, Pressemitteilung, 28.08.2012.
(3) http://kombinat-fortschritt.com/2012/08/26/unsere-heimat-kommt-nicht-in-braune-hande/ Die ZEIT-Online behauptet, dass die beiden zu spät gekommen seien. Allerdings klärt das nicht, warum andere Gäste zu einem noch späteren Zeitpunkt eingelassen wurden.
http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2012/08/28/rassismus-beim-offiziellen-gedenken-in-rostock-lichtenhagen_9618
(4) Bündnis „20 Jahre nach den Pogromen. Das Problem heisst Rassismus“.
(5) Sinti ist eine Selbstbezeichnung von Roma, die in West- und Mitteleuropa leben. In der Zentralen Aufnahmestelle suchten 1992 ausschließlich Roma-Flüchtlinge aus osteuropäischen Ländern vergeblich nach Schutz.
(6) Nach massiven Beschwerden wurde die Online-Fassung dieses Leitartikels ohne redaktionelle Anmerkungen mehrfach entschärft. Die Überschrift wurde in „Harte Bretter. Lichtenhagen“ umbenannt. Auch der Vorspann wurde mehrmals revidiert. In der Originalfassung stand noch: „Ein wütender Mob zündete vor 20 Jahren das Asylantenheim in Lichtenhagen an. Der Terror brachte manchen Sozialromantiker zur Besinnung und machte den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei“. Diese Formulierung erschien dann zu heikel, so dass es abgeändert wurde: „Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus“ (Strohschneider 2012). Aktuell heißt es: „Wenige Monate nach den Exzessen gegen Asylbewerberheime wie in Lichtenhagen war nach jahrelangem Streit der ‚Asylkompromiss‘ möglich. Warum erst jetzt? Wie viel Verantwortung tragen die Utopisten des Multikulturalismus an diesem Versagen?“. Ursprüngliche Fassung.:http://www.politblogger.eu/files/faz250812.pdf
(7) http://korientation.de/2012/08/fire-and-forget-deutsch-vietnamesische-perspektiven-20-jahre-nach-dem-pogrom-in-rostock-lichtenhagen/
(8) http://festivalgegenrassismus.wordpress.com/

Literatur
von Altenbockum, Jasper: Lichtenhagen: Ende der Sozialromantik [Harte Bretter. Lichtenhagen]. Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 25.08.2012.
Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster: Unrast
Bax, Daniel: Vielen Sendern war Rostock keinen Platz wert. Deutschland schaut weg. die tageszeitung, 27.08.2012.
von Becker, Peter: Deutschland hat in Rostock-Lichtenhagen wieder versagt. Der Tagesspiegel, 28.08.2012.
Biskup, Harald: Guerilla-Kampf vor laufenden Kameras. Unser Autor war 1992 Zeuge der Übergriffe. Kölner Stadt-Anzeiger, 22.08.2012, S. 03.
Bürgerschaft der Hansestadt Rostock (Hg.): Erinnerungen an 1992 – 10 Jahre danach – Rostock, im August 2002. Neue Demokratie, Heft 7. Rostock 2002.
Denkler, Thorsten: Neuer Skandal um NSU-Akten: Geheimdienst wollte Neonazi Mundlos anwerben.
Die Welt: Fromm – Aktenvernichtung sollte vertuscht werden, 05.07.2012.
Ecke, Matthias: Offener Brief an Jasper von Altenbockum zum Artikel „Ende der Sozialromantik“, 26.08.2012.
Eggers, Maisha/Kilomba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt, Susan (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast.
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Funke, Hajo (1993): Brandstifter. Deutschland zwischen Demokratie und völkischem Nationalismus. Göttingen: Lamuv. Rostock-Gat
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Sakowitz, Sven: Zwischen Schweigen und Verdrängen. die tageszeitung, 13.08.2012.
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Schulz, Bernd (1992): Gestörte Befindlichkeiten. Eine Presseanalyse der „Rostocker Krawalle“ von 1992. Diplomarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Politik.
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Vestring, Bettina: Die Nacht der Schande, Frankfurter Rundschau, 20.08.2012.
Wittrock, Philipp: Hetzjagd in Mügeln: Polizeischutz für Herrn Singh. Der SPIEGEL Online, 22.08.2007.

September 2012
Dieser Text steht unter einer Creative Commons-Lizenz.
Bei Verwendung/Veröffentlichung bitten wir um einen Beleglink oder ein Belegexemplar.
Erstveröffentlichung auf www.migration-boell.de der Heinrich Böll Stiftung

Konferenz: Decolonize The City!

korientation empfiehlt die internationale Konferenz „Decolonize The City!“ wärmstens. Unsere korientation-Mitfrau Noa Ha hat in Zusammenarbeit mit Anna Younes, Mahdis Azarmandi, Andrea Meza Torres und Veronika Zablotsky diese Konferenz mit vielen prominenten Sprecher_innen und Talkgästen, die für ihre kritische Arbeit weltweit bekannt sind, konzipiert und organisiert. Wir gratulieren herzlich und sind auf die Vorträge und Diskussionen gespannt.

Dieses Event wird von vielen Aktivist_innen und Akademiker_innen of Color als die aufregendste Veranstaltung des Jahres gewertet. Der Veranstaltungssaal hat eine Kapazität von 180 Plätzen. Es sind nur noch wenige freie Plätze übrig. Wartet mit eurer Konferenzregistrierung nicht zu lang, wenn ihr am Thema interessiert und am 21.09.-23.09.2012 in Berlin seid.

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Internationale Konferenz
Decolonize The City! Dekoloniale Perspektiven auf die neoliberale Stadt
21.09.-23-09.2012
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring- Platz 1, 10243 Berlin

Diese Konferenz will eine dekoloniale und rassimuskritische Perspektive auf die neoliberale Stadt entwickeln. Unsere Absicht ist es aufzuzeigen, wie sich koloniale Kontinuitäten in der Stadt widerspiegeln. Wir wollen zu einer Debatte über die Effekte eines globalisierten Kapitalismus auf die städtische Produktion beitragen, in der diese als Gentrifizierung und Touristifizierung beschrieben werden.

Bisherige Perspektiven auf die Stadt haben bislang nur öberflächlich addressiert wer verdrängt, kontrolliert, ausgegrenzt wird. Wir fragen somit aus einer rassismuskritischen Position nach dem Alltag von postkolonialen Migrant_innen und People of Color und ihren Kämpfen in der Stadt, da diese von erhöhten und rassistischen Polizeikontrollen (racial profiling), prekarisierter Arbeit und Diskriminierung im Bildungssystem betroffen sind.

Folgende Fragen stehen hier im Vordergrund:

* Was bringt ein rassismuskritischer Blick auf die heutige Stadtforschung und städtische Sozialpolitik?

* Was können “wir” von marginalisierten Perspektiven und deren Widerstandskämpfen lernen?

* Inwiefern unterscheiden sich die vielfältigen Marginalisierungsprozesse in der neoliberalen Stadt von einander und lassen sie sich vergleichen?

* Inwiefern können diese Perspektiven verknüpft werden um nachhaltige und emanzipatorische Formen des Zusammenlebens zu ermöglichen?

SPRECHER_INNEN:
Ella Shohat (New York Universiy), Ruth Wilson Gilmore (City University of New York), Denise Ferreira da Silva (Queen Mary University, London), Jin Haritaworn (York University, Toronto), Ramón Grosfoguel (UC Berkeley), Kanishka Goonewardena (University of Toronto), Manuela Boatca (Freie Universität Berlin), Sanchita Basu (ReachOut Berlin), Philippa Ebéné (Werkstatt der Kulturen Berlin), Biplab Basu (KOP Berlin), Koray Yılmaz-Günay (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Kien Nghi Ha (Universität Bremen) u.v.a.

WEBSITE:
http://www.decolonizethecity.de | http://decolonizethecity.tumblr.com

DOWNLOAD: Programm als PDF

LOCATION
Münzenberg-Saal | Rosa-Luxemburg-Stiftung
Franz-Mehring- Platz 1 |10243 Berlin
Telephone: +49-(0)30-44310-0 | Fax: +49-(0)30-44310-222
Das Gebäude und die Räume sind alle barrierefrei und mit Rollstuhl erreichbar.
Das Haus verfügt über Gender neutrale Toiletten.

REGISTRATION
Aufgrund begrenzter Plätze wird um eine Anmeldung per E-mail gebeten: decolonizethecity[at]gmx.de

UNKOSTENBEITRAG
3 € Tagesticket
5 € Kombiticket, für alle drei Tage
15 € Solidaritätsticket
Ist die Bezahlung nicht möglich, dann bitte nach dem geförderten Ticket fragen.

ÖFFENTLICHER NAHVERKEHR
S-Bahn/DB: Berlin Ostbahnhof
U-Bahn: U5 – Weberwiese
Bus: 147, 240

ÜBERSETZUNG
Die Veranstaltungen finden sowohl in deutscher als auch englischer Sprache statt. Es wird eine simultane Übersetzung Englisch-Deutsch angeboten. Bitte Flüsterübersetzungen in andere Sprachen nach Bedarf anfragen.

KINDERBETREUUNG
Bitte bei der Registrierung angeben: Anzahl der Kinder, Alter und Betreuungszeitraum. Wir versuchen diesen Service zu ermöglichen.

UNTERSTÜTZT DURCH
Rosa Luxemburg Stiftung
Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin
Georg Simmel Center for Metropolitan Studies, Humboldt Universität Berlin
Zentrum Moderner Orient
European Cultural Foundation

KOOPERATIONSPARTNER
Critical Resistance Oakland
Queering Yerevan
Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) Berlin
ReachOut – Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, Berlin
Gangway e.V. – Verein für Straßensozialarbeit
Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V.
Migrationsrat Berlin-Brandenburg
LesMigraS – Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.
GLADT – Gays & Lesbians aus der Türkei e.V.

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International Conference
Decolonize The City! Decolonial Perspectives on the Neoliberal City
21.09.-23.09.2012
Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring- Platz 1, 10243 Berlin

The »Decolonize the City!« conference aims at developing a decolonial perspective on the neoliberal city. Our intention is to add to and foster debate on the effects of globalized capitalism and its modes of action in respect to the City. We would like to examine politico-economical approaches in Urban Studies critical of the commodification of urban space as well as urban social movements staging resistance to these processes theorized as gentrification and touristification. However, these perspectives in fact only superficially address who is being displaced – namely working-class immigrant and/or neighborhoods of color. What happens when those who have been confined to particular areas of the city have to move as their income steadily decreases, rents go up and forms of social surveillance and policing intensify? Anti-racist perspectives on the intersections of neoliberal, racist and heterosexist urban (development) policies are (so far) utterly absent from German critical Urban Studies.

We hope that we can create a space for a discussion of the various strategies of resistance, re-interpretation and re-inscription in the making of this marginalization. With that, we aim at framing urban spatial processes as intersectional, interrelating and inter-corresponding in clear vision of racism, and complex sets of power relations, such as classism, sexism, homonationalism and heteronormativity rather than arguing the primacy of global entrepreneurs’ interests.

By taking a decolonial perspective, the conference will shine a light on colonial continuities which are inscribed in modern archives of knowledge. Postcolonial theory emerged as a form of anti-colonial resistance in scrutinizing the making of subjectivities at the margins and contesting the universalization of European Enlightenment thought.

A decolonial perspective challenges Western-centric epistemologies of science and modernity and insists on a self-critical re-examination. It is of utmost importance to attend to the complexity of intertwined relations of power resulting from class, gender, race, body, heteronormativity, homonationalism and other categories of oppression.

SPEAKERS:
Ella Shohat (New York University), Ruth Wilson Gilmore (City University of New York), Denise Ferreira da Silva (Queen Mary University, London), Jin Haritaworn (York University, Toronto), Ramón Grosfoguel (UC Berkeley), Kanishka Goonewardena (University of Toronto), Manuela Boatca (Freie Universität Berlin), Sanchita Basu (ReachOut Berlin), Philippa Ebéné (Werkstatt der Kulturen Berlin), Biplab Basu (KOP Berlin), Koray Yılmaz-Günay (Rosa-Luxemburg-Foundation), Kien Nghi Ha (Universität Bremen) among others..

WEBSITE:
http://www.decolonizethecity.de | http://decolonizethecity.tumblr.com

DOWNLOAD: Program as PDF

VENUE
Münzenberg-Saal | Rosa-Luxemburg-Foundation
Franz-Mehring- Platz 1 |10243 Berlin
Telephone: +49-(0)30-44310-0 | Fax: +49-(0)30-44310-222

ENTRANCE FEE:
We will ask for entrance fee, prices are:
3 € one day ticket
5 € ticket for all three days
15 € solidarity ticket
If entrance is not affordable, please ask for our supported tickets.

REGISTRATION
Due to limited places we kindly ask to register your participation beforehand via this email address: decolonizethecity[at]gmx.de.

PUBLIC TRANSPORTATION
S-Bahn/DB: Berlin Ostbahnhof
Subway/U-Bahn: U5 – Weberwiese
Bus: 147, 240

ACCESSIBILITY
The building and rooms are all wheelchair accessible.
Gender-neutral Toilets.

LANGUAGE AND TRANSLATION
The event will be hosted in both English and German on all three days. There will be simultaneous English-German translation. We are eager to provide whisper translation also in other languages, if needed.

CHILD CARE
Please indicate number and age of the children and the time frame with your registration. We will try our best to provide this service.

SUPPORTED by
Rosa Luxemburg Foundation
Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin
Georg Simmel Center for Metropolitan Studies, Humboldt University Berlin
Zentrum Moderner Orient
European Cultural Foundation

COLLABORATIONS
Critical Resistance Oakland
Queering Yerevan
Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (KOP) Berlin
ReachOut – Opferberatung und Bildung gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, Berlin
Gangway e.V. – Verein für Straßensozialarbeit
Initiative in Gedenken an Oury Jalloh e.V.
Migrationsrat Berlin-Brandenburg
LesMigraS – Antidiskriminierungs- und Antigewaltbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.
GLADT – Gays & Lesbians aus der Türkei e.V.

Asiatische Deutsche – Sachbuch der Woche in der FAZ

“Die Ausnahmen und die Regeln: Der Sammelband “Asiatische Deutsche” untersucht, wie unsere Gesellschaft ihre Einwanderer betrachtet – und wie diese mit den falschen Zuschreibungen zurechtkommen müssen. … Die Suche nach dem richtigen Wort für eine so viel komplexere Gegenwart durchzieht den kompletten Band”
Tobias Rüther: Wie würdest du deine Herkunft beschreiben? Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 27.08.2012, S. 26
Asiatische Deutsche – Sachbuch der Woche in der FAZ, 31.08.2012

FAZ-VDAB-Rez

Asiatische Deutsche – Sachbuch der Woche in der FAZ, 31.08.2012

Rostock-Lichtenhagen – (K)ein Thema für die vietnamesische Community?

Kien Nghi Ha: „Ich bin hier, weil ihr hier seid”, Rostock-Lichtenhagen 2012.
Rede auf dem anti-rassistischen Kulturfestival “Beweg dich für Bewegungsfreiheit” am 25.08.2012 vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen

Anlässlich des 20. Jahrestags des anti-vietnamesischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen sprach der Journalist Daniel Bax (die tageszeitung) mit korientation-Vorstandsmitglied Kien Nghi Ha über Umgangsweisen und Auswirkungen auf die vietnamesische Community in Ost- und Westdeutschland.

Dieses Interview wurde in einer gekürzten Fassung unter dem Titel “Rostock ist ein Trauma” in der tageszeitung (taz) vom 17.8.2012 (Seite 14) veröffentlicht. Wir dokumentieren an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Daniel Bax die ungekürzte Originalfassung.

Daniel Bax: Herr Ha, das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen jährt sich jetzt zum 20. Mal. Wie haben Sie es damals erlebt?

Kien Nghi Ha: Ich war damals gerade zwanzig Jahre alt, hatte soeben mein politikwissenschaftliches Studium aufgenommen und mit wachsendem Unbehagen den aufkommenden Nationalismus wahr genommen, der sich im Prozess der Wiedervereinigung äußerte. Rostock hat bei mir zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit Rassismus geführt, die bis heute einen Schwerpunkt meiner Arbeit bildet.

Wie hat Rostock die deutsch-vietnamesische Community geprägt? Wird es, wie die Anschläge von Mölln und Solingen von vielen Deutsch-Türken, als Einschnitt empfunden?

Der Begriff der Community ist sicher ein Hilfskonstrukt. Aber wir haben nun mal keinen besseren Begriff, um kulturell unterschiedlich codierte Migrationserfahrungen zu bezeichnen. Wer als Asiatischer Deutscher die hemmungslose Entladung rassistischer Gewalt erlebt hat, die sich nicht zuletzt gegen vietnamesisch aussehende Menschen richtet, dem sollte es nicht schwer fallen, sich selbst als potentielle Zielscheibe rassistischer Gewalt zu sehen. Diese Gewalterfahrung ist für die Vietnamesen in Ostdeutschland kaum zu ignorieren und hat ihre Migrationserfahrungen stark geprägt. Dagegen sind viele vietnamesische “Boat People” für die Aufnahme in Deutschland so dankbar – da dies für sie Rettung und gesellschaftlicher Aufstieg bedeutet –, dass sie die rassistische Dimension der deutschen Gesellschaft nicht sehen und sich auch nicht mit den Opfern des Rassismus solidarisieren. Im Bemühen die eigene Integration nachzuweisen und aus Angst negativ aufzufallen, wird ein verklärtes Deutschlandbild konstruiert.

Sie sind in Hanoi geboren und mit sieben Jahren mit ihren Eltern aus Vietnam nach Deutschland gekommen. Gibt es große Unterschiede in der kollektiven Erinnerung zwischen den ehemaligen “Boat People” im Westen und den Ex-Vertragsarbeitern im Osten?

Ja, sehr große. Bis heute bestehen auf Seiten der Vietnamesen im Westen starke Vorbehalte gegen die vietnamesische Community im Osten. Die Mehrheit der Vietnamesen im Westen hat sich eingeredet, sie hätten mit den Vietnamesen im Osten nichts zu tun: man sei gut integriert, während man die Vietnamesen im Osten mit Zigarettenmafia, Schleuserbanden und Kriminalität in Verbindung brachte und die Betroffenen selbst für diese Misere verantwortlich macht. Damit werden jedoch die diskriminierenden Klischees und Schuldzuweisungen der weißen Mehrheitsgesellschaft übernommen, und mit einer so stark marginalisierten Gruppe wollte sich keiner solidarisieren. Die vietnamesische Community im Osten dagegen ist durch Rostock stark traumatisiert worden, was es ihnen erschwert hat, zu einer eigenen Stimme zu finden. Das ändert sich aber allmählich durch die heranwachsende zweite Generation, in der die Ältesten zu Beginn der 1990er Jahre auf die Welt kamen. Sie sind jetzt im Hochschulalter, und die ersten haben mit dem Studium geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer begonnen.

Die Vietnamesen in der Ex-DDR waren ohnehin die großen Verlierer der Einheit. Ein Fall von Rassismus von oben?

Die Vertragsarbeiter wurden ja als allererste entlassen, obwohl sie als besonders leistungsfähig und fleißig galten. Das widersprach zwar dem liberalen Credo, nachdem die Arbeitsplatzsicherheit von der Leistungsfähigkeit abhängen sollte, aber bei der Abwicklung der DDR-Wirtschaft galt dieses Prinzip nicht. Dabei waren viele Vietnamesen aufgrund ihrer Ausbildung sogar überqualifiziert für die Jobs, die sie in der DDR ausführen mussten. Nach der Wende wurde ihr Aufenthaltsrecht an strengen Auflagen gebunden: Nur, wer über einen eigenen Arbeitsplatz verfügte und nicht von Sozialhilfe abhängig war, durfte sich in Deutschland niederlassen. Mit dieser gesetzlichen Regelung hat die Bundesregierung viele in die Zwangsselbständigkeit unter prekären Bedingungen getrieben, denn die Wirtschaftslage in der Ex-DDR war ja bekanntlich dramatisch.

Warum hat das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen nicht dazu geführt, den skandalösen Umgang mit den vietnamesischen Ex-Vertragsarbeitern zu überdenken?

Es gab zumindest eine Solidarisierung von unten, die von kirchlichen, gewerkschaftlichen, linken und antirassistischen Gruppen ausging. Anfang der 1990er Jahre haben sich Vietnamesen und Deutsche in einigen Städten zu lokalen Initiativen zusammen geschlossen, um den Ex-Vertragsarbeitern bei Alltagsproblemen und in rechtlichen Fragen Hilfestellung zu geben. Diese Vereine gibt es bis heute, viele von ihnen bieten jetzt Integrationskurse, Beratung oder Folklore-Workshops an. Die meisten arbeiten lokal im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten und müssen jedes Jahr aufs Neue Anträge auf Projektförderung stellen, um ihr finanzielles Überleben sicher zu stellen. Mir ist nicht bekannt, dass es da eine bundesweite Vernetzung gäbe. Die Kraft und politischen Kapazitäten zur Skandalisierung der gesellschaftlichen Ausgrenzung der vietnamesischen Migranten in Ostdeutschland ist angesichts der beschränkten Möglichkeiten ihrer kleinen Vereine nicht gegeben.

Vietnamesen gelten als sehr integriert, weil sie im Bildungsbereich überdurchschnittlich gut abschneiden, und werden von konservativen Politikern und Publizisten deshalb gerne als Vorbild hingestellt. Zu Recht?

Ja, die vietnamesischen Migranten gelten als Modellminorität. Diese Sichtweise hat sich aber erst in den letzten Jahren durchgesetzt. Das zeigt, wie wandelbar solche Bilder sind. Davor hat man sich für die Vietnamesen im Westen kaum interessiert, obwohl man sie einst nach dem Vietnamkrieg unter großer Anteilnahme als Opfer des Kommunismus ins Land geholt hatte. Die ostdeutschen Vietnamesen gelten bis heute eher als ungebetene Gäste, die Probleme verursachen, weshalb man sie so schnell wie möglich abschieben wollte. Nicht zufällig wurde das Rückführungsabkommen 1995 geschlossen, nachdem 40.000 Vietnamesen Deutschland verlassen sollten.
Es ist aber eine Fiktion zu glauben, Vietnamesen seien pauschal „gut integriert“ und besonders wenig von Rassismus betroffen. Sie sind dann weniger davon betroffen, wenn sie einen bestimmten sozialen Status erlangt haben, sich politisch unterordnen und kulturell nicht als Störfaktor auftreten. Aber Alltagsrassismus macht vor Vietnamesen nicht Halt.

Werden Asiaten denn nicht mit positiveren Klischees bedacht als andere Gruppen?

Mag sein. Die Haltung bei vielen Vietnamesen ist aber auch: Wenn wir uns politisch passiv und freundlich verhalten, dann bieten wir keine Angriffsfläche. Das ist eine kulturelle Überlebensstrategie, die in vielen Familien weiter gegeben wird. Aber diese ständige Unterordnung hat ihren Preis, denn sie führt dazu, dass man sich klein macht und seine Interessen verleugnet. Doch alle Bemühungen und auch eine erfolgreiche Bildungskarriere garantieren nicht, dass man als vollwertiger Teil dieser Gesellschaft akzeptiert wird und nicht immer wieder an gläserne Decken stößt. Von vietnamesischer Seite wird da leider keine offensive Auseinandersetzung eingefordert. Andere Gruppen sind da selbstbewusster, und nur so kann man auf Medien und Politik einwirken. Das vermisse ich bei den vietnamesischen Organisationen.

Deutschland wollte lange kein Einwanderungsland sein. Aber jetzt tut die Politik doch eine ganze Menge: Stichwort Integrationsgipfel, Integrationskurse, nationale Integrationspläne. Ist das so falsch?

Natürlich war es wichtig und richtig, dass Deutschland sich endlich als Einwanderungsland begreift. Die aktuelle Integrationspolitik finde ich aber auch problematisch. So, wie ich sie lese, gehen die Integrationskurse etwa von der Projektion aus, dass insbesondere die muslimische Kultur als Problem angesehen wird, weshalb diese Migranten ihre Integrationsfähigkeit unter Beweis stellen müssen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein repressives Mittel helfen kann, dem Ziel einer diskriminierungsfreien Gesellschaft näher zu kommen. Wenn die Werte der Verfassung für alle gelten sollen, dann muss der Staat gerade im Umgang mit gesellschaftlich ausgegrenzten Minderheiten auf freiwillige Anreize statt auf Kontrolle und Zwang setzen.

Was wünschen Sie sich?

Eine Integrationspolitik, die ihre proklamierten Ziele ernst nimmt, müsste versuchen, alle Formen der strukturellen Diskriminierung und des institutionellen Rassismus zu beseitigen. Rostock steht für mich da nicht nur als Chiffre für die Gewalt, die von einem rassistischen Mob ausging, sondern auch für ein institutionelles Versagen – das macht es vergleichbar mit den NSU-Morden. Hinzu kam die Instrumentalisierung durch die Politik. Denn das Pogrom in Rostock wurde benutzt, um das Asylrecht de facto auszuhebeln.
Uns sollte klar sein: Rassistische Gewalt geht nicht nur vom extremistischen rechten Rand aus, sondern ist ein Strukturproblem, das institutionelle Reformen erfordert. Aber es gibt in Deutschland keinen antirassistischen Konsens, der glaubwürdig vertreten wird. Wenn man nach Großbritannien schaut, dann wird der Kampf gegen Rassismus dort auf allen Ebenen geführt, und dort gibt es weit weniger Toleranz gegenüber rassistischen Diskursen à la Sarrazin.

Kien Nghi Ha, promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler, ist Fellow des Instituts für post-koloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen und Vorstandsmitglied von korientation. Er hat an der New York University sowie an den Universitäten in Heidelberg und Tübingen zu postkolonialer Kritik, Migration und Asian Diasporic Studies geforscht und gelehrt.
Kien Nghi Ha hat für korientation die Diskussionsveranstaltung „Fire and forget? Deutsch-vietnamesische Perspektiven 20 Jahre nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen“ auf dem Berliner Festival gegen Rassismus (19.08.2012) organisiert und moderiert, um die beginnende Aufarbeitung von Rostock-Lichtenhagen aus einer asiatisch-deutschen Perspektive anzuschieben. Außerdem beteiligte er sich an der Diskussion „20 Jahre Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und deutsche Zustände heute“ in der Werkstatt der Kulturen Berlin (22.08.2012). Kien Nghi Ha ist außerdem Herausgeber des Sammelbands „Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (Verlag Assoziation A). Darin sind Interviews mit den Zeitzeugen Mai-Phuong Kollath und Biblap Basu enthalten, die über ihre Erfahrungen zu den Ereignissen in Rostock-Lichtenhagen sprechen.