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Mutmacher: Black Interventions

26/02/2013

Unsere korientation-Aktivistin, die dekoloniale Stadtforscherin Noa Ha, bezog auf der Veranstaltung “BLACK INTERVENTION” im Ballhaus Naunynstrasse mit der Kurzgeschichte “Mutmacher” Stellung in der aktuellen Debatte über rassistische Begriffe in Kinderbüchern. Der Kulturabend im Ballhaus Naunynstrasse war ein großer Erfolg: Das Publikum erlebte inspirierende Lecture-Performances von mutmachenden Künstler_innen und Wissenschaftler_innen. Diese Intervention löste nachfolgend eine breite Medienresonanz aus. Leider fanden mehr als 150 Interessierte keinen Einlass, weil der Saal mit einer Kapazität von ca. 250 Plätzen bereits vollbelegt war.

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Aus gegebenen Anlass dokumentieren wir die Programmankündigung von “BLACK INTERVENTION” und veröffentlichen die Kurzgeschichte “Mutmacher” von Noa Ha als Preview. Dieser Text wird in der nächsten Ausgabe des transkulturellen Gesellschafts- und Literaturmagazins freitext (April 2013) erscheinen. Bei dem asiatisch-deutschen Themenheft “auftauchen” handelt es sich um eine Koproduktion zwischen freitext und korientation. Nähere Informationen folgen bald. Stay tuned.

BLACK INTERVENTION
Mehr als Worte – Aus Anlass der aktuellen Kinderbuchdebatte
Mit Joshua Kwesi Aikins, Simone Dede Ayivi, Nadine Golly, Noa Ha, Philipp Khabo Köpsell, Mekonnen Mesghena, Nadja Ofuatey-Alazard, Noah Sow
Ballhaus Naunynstr. (Berlin-Kreuzberg), 20. Februar 2013, 19 Uhr

Seit einigen Wochen tobt in Feuilletons und Kulturmagazinen eine Debatte, die erneut zeigt, wie weit die Mitte der deutschen Gesellschaft von einer Akzeptanz ihrer realen Vielfalt noch entfernt ist, und wie sehr es mit der Sensibilität für eine inklusive und herrschaftsfreie Sprache noch im Argen liegt. Sprache ist mehr als ein Kommunikationsinstrument. Sie ist auch ein Barometer sozialer Beziehungen und Verhältnisse. Bis heute aber bedienen sich zahlreiche populäre Kinderbücher der Spracharithmetik der Kolonialzeit.
Die durch Mekonnen Mesghena angestoßene sprachliche Anpassung des Kinderbuches “Die kleine Hexe” hat in Deutschland und weit über die Grenzen hinaus große Wellen geschlagen.
Insbesondere die Nomenklatura der deutschsprachigen Feuilletonseiten verteidigt den Erhalt diskriminierender Begriffe in Kinderbüchern vehement und unter Anrufung verschiedenster Feindbilder: “Zensur”, “Sprachpolizei”, “Political Correctness”. Meinungsvielfalt: Fehlanzeige. Weiße Männer diskutieren miteinander über Rassismus, und darüber, ob Minderheiten sich diskriminiert fühlen dürfen oder nicht: Was damals für den weißen Mann richtig war, das kann heute nicht falsch sein. Nur zaghaft wurden einzelne Stimmen zugelassen, die koloniale Altlasten anprangerten.
Begleitet wird die Debatte mit persönlichen Diffamierungen, rassistischen Angriffen und Hassmails, insbesondere gegen den Initiator der Debatte.
Aus aktuellem Anlass bietet die Veranstaltung “BLACK INTERVENTION” Raum für Schwarze, Person of Color und postmigrantische Stimmen und Perspektiven aus Wissenschaft und Kunst.

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Mutmacher von Noa Ha

In diesem Land gibt es Menschen, die schreiben einen höflichen Brief, um ihre Kritik zu äußern. Ihre Kritik wird angehört, es wird abgewogen und es wird eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung etwas zu ändern, weil der bisherige Weg nicht richtig, sondern falsch und moralisch verwerflich war.

Diesem Entscheidungsprozess ging keine Anklage, noch ein Prozess, noch eine Drohung voraus – sondern ein höflich argumentierender Brief. Dieser Brief wurde von einem Mutmacher, von Mekonnen Mesghena, geschrieben. Sein Brief war der Ausgangspunkt für die Entscheidung des Autors Otfried Preußler, seiner Familie und seines Verlags, einige Wörter in den neu (!) aufzulegenden Kinderbüchern von “Die kleine Hexe” zu ändern.

Seit dieser Entscheidung geht ein Aufruhr durch den deutschen Feuilleton, angeführt von der ZEIT und der FAZ wird dieser Vorgang vor allem als “Zensur” begriffen und die Frage der “Politischen Korrektheit” aufgeworfen. Wir lesen, dass wir auf dem Weg zu einer Trottelsprache sind und plötzlich alle sprachlichen Veränderungen verwerflich seien. Angesichts des oben genannten Vorgangs, der im Einvernehmen mit Kritiker, Autor, seiner Familie und dem Verlag getroffen wurde, erscheint die derzeitige Debatte einerseits wie ein Ablenkungsmanöver (Nein, wir weißen Deutschen wollen uns von gar niemanden sagen lassen, wie und was wir formulieren dürfen. Daher emanzipieren wir uns davon und schreiben es nochmal ganz groß vorne auf die Zeitung “N****” – Ha!). Andererseits erscheint die aufgebauschte Empörung gegen die Modernisierung im Kinderbuch wie ein Ventil für das deutsche (v.a. männliche, weiße, bürgerliche) Selbst, welches Druck ablassen will. Dieser Druck, der sich in den letzten Monaten und Jahren auf sein Gemüt gelegt hatte, weil er sich mit Fragen des institutionellem Rassismus beschäftigen musste und dieser Verdacht kaum von der Hand zu weisen war. Obschon “er” diesen Vorwurf weit von sich wies, weiterhin die Rede von “Pannen” und “Missgeschicken” in die Welt setzte, so war doch der Hauch von Selbstzweifel zu spüren. Ein Zweifel daran, dass Deutschland immer noch nicht entnazifiziert ist, dass immer noch rassistisches Denken das Handeln der Institutionen leitet, ach, und in diese Zeit der Zweifel entblößte die Gruppe “Bühnenwatch” bildungsbürgerliche Selbstverständlichkeiten und skandalisierte Praktiken von Blackfacing.

Ach. So viele Vorwürfe, das war dann dem deutschen zartbesaiteten Gemüt doch ein wenig zu viel. Es hatte so viel Schuld auf sich geladen, und ging einen einsamen deutschen Weg. Während das Land noch den Vorwurf des institutionellen Rassismus versuchte zu verdauen, diesen abwies und nicht wusste, wohin mit sich selbst, just in diesem Moment kommt die Nachricht, dass Preußlers Kinderbücher behutsam überarbeitet werden. Nun soll der deutschen Identität auch noch ihre Kindheit genommen werden. Pah. Jetzt wird es aber persönlich! Das geht aber nun viel zu weit, das ist Zensur! Einmischung! Politische Korrektheit! Sprachpolizei! Trottelsprache! Unsere Kindheit!

Und der Mutmacher? Der hat mir gezeigt, dass dieses Land nicht erwachsen werden will, aber er hat mir noch etwas viel wichtigeres vor Augen geführt. Manchmal kann es so einfach sein, für sich, für seine Kinder und für diese Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Er hat sich hingesetzt, einen Brief geschrieben, seine Kritik höflich formuliert und, ja, er hat sie auch begründet. Er hat sich positioniert, er hat den Dialog gesucht und er hat eine Antwort erhalten. Er traf auf ein Gegenüber, der zu einem Dialog bereit war, obwohl das nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist.
Bei allen N-Wörtern in diesen Tagen, denen ich kaum ausweichen kann und die meine psychische Verfasstheit angreifen – das macht für mich die Bedeutung des Briefes von Mekonnen Mesghena aus: Mit Briefen die Welt zu verändern, das macht Mut und gibt Hoffnung.

Noa Ha, kritische Stadtforscherin of Color, untersucht in ihrer Dissertation Praktiken des Straßenhandels in Berlin-Mitte im Kontext der Hauptstadtwerdung und interessiert sich für die vielschichtigen Prozesse der Raumproduktion, in die sich die Verflechtungen von Macht, Repräsentation und Subjektivierung einschreiben. Sie ist Stipendiatin der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitherausgeberin von “Global Perspectives on Urban Street Vending in the Neoliberal City” (2013). Ihre letzte Monographie heisst “Informeller Straßenhandel in Berlin. Urbane Raumproduktion zwischen Störung und Attraktion” (2009). Sie ist auch Initiatorin und Mitveranstalterin der internationalen “Decolonize the City!”-Konferenz (2012).

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