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Sarrazin als gesellschaftliches Phamtombild

02/11/2010

Im Folgenden veröffentlichen wir ein Gespräch zwischen dem Kultur- und Politikwissenschaftler Dr. Kien Nghi Ha und der Werkstatt der Kulturen Berlin anlässlich der Auftaktveranstaltung „Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist der Integrierteste im ganzen Land?“ (27.10.2010) zur Diskussionsreihe „PLAYING IN THE DARK oder die Rassismus-Falle“.

Inwiefern hat die durch die Sarrazinsche Buchveröffentlichung ausgelöste Debatte Einfluss auf euer Selbstverständnis?

Kien Nghi Ha: Die Umöglichkeit, der massenmedial aufgebauschten Sarrazin-Hysterie zu entkommen, war für mich persönlich die intensivste Rassismuserfahrung in den zurückliegenden Wochen. Obwohl Sarrazin nicht mein Problem ist, wurde es durch die Empfänglichkeit der Medien und der politischen Elite für einen ausgrenzenden, irrationalen und haltlosen Rechtsextremismus zu einem Problem für postkoloniale MigrantInnen und People of Color gemacht. Darin besteht das jahrhundertealte Paradox des Rassismus in der kolonialen Moderne.

Und inwiefern hat die Debatte Einfluss auf das Selbstverständnis der Communities, in denen ihr euch bewegt?

Kien Nghi Ha: Viele People of Color fühlen sich durch die schwer zu ertragende breite öffentliche Unterstützung für Sarazzins rassistische, islamfeindliche, eugenische und nicht zuletzt antisemitische Phantasmagorien bedroht und politisch vergewaltigt. Dadurch ist aber auch klar, dass anti-rassistische Standards in der BRD noch durch soziale Bewegungen erkämpft werden müssen. Die Dekolonialisierung Deutschlands und seiner politischen Kultur ist eine zentrale Aufgabe für all jene, die in einer aufgeklärten, gleichberechtigten und demokratischen Gesellschaft leben wollen.

Wir glauben, dass wir eine der größten gesellschaftspolitischen Zäsuren erleben, die die neue Bundesrepublik bisher auszustehen hatte: Wie sieht der richtige Umgang damit aus? Welche Lösungsansätze gibt es?

Kien Nghi Ha: Ironisch gesprochen muss die mehrheitsdeutsche Gesellschaft Sarrazin eigentlich dafür dankbar sein, dass er, selbst für einen Blinden erkennbar, die weitverbreiteten rassistischen, antisemitischen und islamophoben Einstellungen der Dominanzdeutschen bewiesen hat. Wie die politischen Machtverhältnisse es nahe legen, hat die bisherige Debatte erneut aufgezeigt, dass die deutsche Gesellschaft nicht nur blind, sondern anscheinend auch – durch die Kolonial- und NS-Geschichte mitbedingt – meisterhaft im Verdrängen und Ignorieren ihrer gesellschaftlichen Pathologien geschult ist. Meinungsumfragen bestätigen übereinstimmend, dass ca. 70-80 Prozent der deutschen Gesellschaft einen weißen Hassprediger mit Hang zur Eugenik vollständig oder partiell huldigt. Ehrlich gesagt weiß ich derzeit nicht, ob die deutsche Gesellschaft im Moment heilbar ist. Wir wären einen Schritt weiter, wenn die weiße deutsche Gesellschaft, die sich gern als „Volk der Dichter und Denker“ beschreibt, es intellektuell und ideologisch verkraften könnte zu verstehen, dass RassistInnen kein Recht auf Meinungsfreiheit haben.
Was sich in den letzten Tagen als weitere Extremisierung der Debatte eingestellt hat, ist die These von der “rassistischen Deutschenfeindlichkeit” etwa im Interview von der Bundesministerin Schröder mit der FAZ. Das dient offensichtlich als weitere Rechtfertigungsvorlage um noch schärfere Sanktionen gegen missliebige MigrantInnen fordern zu können. Diese Nebelkerze soll natürlich auch davon ablenken, dass der zunehmende Rassismus der deutschen Dominanzgesellschaft ein immer übleres Ausmaß annimmt wie die Friedrich Ebert Stiftung in ihrer kürzlich veröffentlichten Folgestudie „Die Mitte in der Krise“ über die latente und offene Akzeptanz des Rechtsextremismus in der deutschen Bevölkerung festgestellt hat. Demnach ist in den letzten Jahren die Akzeptanzquote auf ca. ein Viertel gestiegen, und fast die Hälfte der Befragten zeigt sich für rassistische Ansichten anfällig wie etwa der Aussage, dass die BRD „in einem gefährlichen Maße überfremdet“ sei.

Kien Nghi Ha ist promovierter Kulturwissenschaftler und Diplom-Politologe. Er war 2009 Gastwissenschaftler am Asian/Pacific/American-Institute (New York University) und danach Research Fellow am Graduate Programme for Transcultural Studies der Universität Heidelberg. Gegenwärtig kuratiert er am Hebbel am Ufer Theater (Berlin) das Programm „Vietnamesische Diaspora and Beyond“ (26.11-27.11.2010). Seine Forschungsinteressen beziehen sich auf Postcolonial Studies, Rassismus und Asian Diasporic Studies. Als Autor und Mit-Herausgeber hat er mehrere Bücher veröffentlicht u.a. „Ethnizität und Migration Reloaded“ (1999/2004), „Vietnam Revisited“ (2005), „re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland“ (2007) und „Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen ‚Rassenbastarde‘“ (2010).

Weitere Veranstaltungen in der Diskussionsreihe „PLAYING IN THE DARK oder die Rassismus-Falle“

24/11/2010, 19 Uhr, Werkstatt der Kulturen: „Von Kindesbeinen an – Rassismus: Entstehungsgeschichte, Funktionsweisen & Auswege“

15/12/2010, 19 Uhr, Werkstatt der Kulturen: „Das sagt man nicht – diskriminierende Sprache in Politik, Medien & Alltag

Mehr dazu: http://www.werkstatt-der-kulturen.de/de/spielplan/?datum=2010-10-01&filter=Wort&detail=136&mode=spielplan

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